Hcrsfeli> er Anzeiger.
Str. 85. Hersfeld, den 26. Oetober. 1861*
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweinial, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden aufgenommen und die Zeile oder Leren,Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet. '
Der Erbherr.
Von Adolph Görling.
(Schluß.) .
Der Graf ließ eine Viertel-, eine halbe Stunhe auf sich warten. Unruhig ging ich in seinem Zimmer auf und ab. Endlich erschien er, höchst aufgeräumt, lustig, mit brennenden Wangen und zitternden Händen.
— Nun! Par Dien! rief er, mit ausgespreizten Beinen, die Hände in den Taschen, sich vor mich stellend. Was sagen Sie, Herr hochnotpeinlicher Halsgerichtsmensch? Gestehen Sie, daß das stark, sehr stark ist! — Sehr stark I — Und daß mein Kuba, dieser bestialische Tölpel, glaubt, die Todten stehen wieder auf! — Die Todten stehen wieder auf! sagte ich unwillkürlich. — Wer, Teufel, erlaubt Ihnen, Doctor, fortwährend meine letzten Worte zu wiederholen? — Ach will nicht hoffen, Herr Graf, daß Sie bereits angefangen haben, Ihre »letzten Worte" zu sprechen! sagte ich mit festem Blick.
Der Graf sah mich an. Er ward bleich, stumm. Er schien gar kein Woit mehr finden zu können. Nach einer schrecklichen Paule ging er hinaus und kam mit vier oder fünf Weinflaschen zurück. Er schenkte ein, trank in gierigen Zügen und bot mir schweigend ein gefülltes Glas.
— Trinken Sie! rief er rasch. Wie gesagt, so viel sehen Sie ein! Für Verrückte sind Sie nicht verantwortlich und ich auch nicht. Sie haben ganz Recht, das hätte Ihnen, Ihnen ganz wohl auch passiren können. Und nun wollen wir diesen Unsinn glatt machen! Ich konnte nicht antworten. In mir war nur eine, Alles übertönende Stimme: „Brudermörder!" — Wir sind immer gute Freunde gewesen, Doctor! Du bist ein vernünftiger Mann, Freund — ich überlasse Dir Alles, Du weißt das am besten einzurichten. Es giebt genug Feinde von mir, denen es höchst erwünscht wäre, wenn dieser Unsinn Eclat machte. Bestimmen Sie selbst, wie viel Sie brauchen, um diese Vagabunden sicher über die österreichische Grenze zu bringen. Siegehen selbst mit; mir zu Gefallen!
— Herr Graf, ich thue Alles, was ich kann, wenn ich Ihnen sage: lassen Sie die Wahrheit walten! Decken
Sie Ihre Karten auf, bevor man sie Ihnen mit Gewalt aufdeckt. — Das wollen Sie? — Ich spreche nicht von mir! Mord, hören Sie, Mord hat tausend Stimmen.
— Nur eine, nur zwei, und die sollen schweigen! rief rief der Graf außer sich.
Ich schauderte. Das war ein Geständniß, ein un- widerruftiches. Nicht allein Kuba — auch er war schuldig —- er allein, der Anstifter!
Er verließ das Zimmer und kam nicht wieder. — Ich ließ ihn suchen, — er war in den Wald gegangen und befand sich noch um Mitternacht nicht auf dem Schlosse. Ich schlief erst spät gegen Morgen ein. Da weckte-mich ein wilder Tumult auf dem Schloßhofe — Kuba hatte sich erschossen. Es lag mir natürlich ob, den Körper gerichtlich aufzuheben.
Kuba lag auf seinem Bette in seiner kleinen Kammer im ersten Stockwerk. Die Pistole lag auf dem Fußboden. Der Polak war völlig angekleidet. Er sah schrecklich aus, denn die ganze untere Kinnlade war zerschmettert. Als ich ihn aufnehmen ließ, erfolgte ein markdurchdringendes Geheul, so daß die beiden Träger den Körper fallen ließen — der Polak lebte noch, war noch bei Besinnung. Er deutete auf das offenstchende Fenster und als ich hinausblickre, lag unten im Garten — der Graf. Der Zusammenhang war nicht schwer zu finden, als der Graf herbeigebracht wurde. Er war heimlich aufs Lchloß gekommen, hatte auf Kuba die Pistole abgefeuert, hatte denselben todt geglaubt und seinen Weg — um Kuba als Selbstmörder erscheinen zu lassen — durch das Fenster genommen. Er sprang jedoch so fatal, daß der rechte Oberschenkel brach.
Der Graf war stumm, ruhig und gefaßt.
— Geben Sie sich keine Mühe, Docior! sagte er, als ich ihn in Gegenwart des blutigen Schreckbildes, des Polaken, verhören wollte. Sehen Sie den Hund an; habe ich ihn nicht vortrefflich bedient? Siebrauchen ihn nicht zum Nicken des Kopfes et caetera zu bewegen. Ich sage Alles selbst. Dieser Kuba Torowaczy hat meinen L-tiefbruder und seine Frau abgethan. Nichts mehr davon. Dieses Thier vollzog zunächst einen Act der Rache; denn mein Bruder hatte ihn, ungerechter Weise glaube ich, auspeirschen lassen. Aber merken Sie wohl. — Kuba agirte mit meinem Wissen, in meinem