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Nr. 84. Hersfeld/ den 23. Oetober. 1861*
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Der Erbherr.
Von Adolph Görling.
(Fortsetzung.)
Ich benachrichtigte den Grafen von der bevorstehenden Ankunft der braunen Gäste. Er war einige Minuten unschlüssig, dann sagte er:
— Der Zufall ist günstig, günstiger, als ich glaubte. Sie haben nunmehr eine gültige Ursache, das Volk gründlich von hier und aus der Gegend zu entfernen. Sie werden per Schub nach ihrer Heimat transportirt und kommen unterwegs keine Minute aus den Händen der Gendarmen los. ®ut, gut; aber beeilen Sie sich, daß wir der Bande hier quitt werden.
Ich begann sofort das Verhör mit den beiden Zigeunern, während die Weiber und Kinder von der Wirth- schafterin auf dem Wartesaal abgefüttert wurden.
Der ältere Zigeuner schien sehr gedrückt, beküm- mert, mürrisch. Der Jüngling dagegen war in sichtbarer Aufregung.
— Wie heißt Ihr? fragte ich den Aeltern, auf den Paß blickend und die Feder zur Hand nehmend.
— Jukosch, gnädiger Herr. — Weiter? — Weiter nichts. — Hier steht Jukosch Bialko.
— Das ist kein Name, Herr. In der Jugend hatte ich sehr viel Weißes im Auge — das bedeutet Bialko. Ist sein Name, wie ihn die Christen führen. — Seid Ihr kein Christ?
— O, ja; ich bin katholisch getauft und meine Kinder habe ich alle Drei taufen lassen, sowie meine Frau, die Marhsia heißt, statt Madith, welches der Heidenname ist. — In Eurem Passe steht nicht, wo Ihr geboren seid! — Ich weiß es selbst nicht; aber es wird in der Bosnia gewesen sein. — Seit Ihr schon früher in dieser Gegend gewesen? — Nie, Herr! Ich habe nur in Galizien, Ungarn, Siebenbürgen, und Bosnien und Serbien gewandert. — Womit ernähil Ihr Euch?
— Ich bin Musikant und Kesselflicker. — Und nebenbei stehlt Ihr, wie t$ gesehen. — Das haben Sie nicht gesehen! sagte Jukosch ruhig. — Die Hühner habe ich genommen, sagte der andere Ziegeuner. Auch die Stiefeln und die Laterne und die Wäsche.
— Ich werde Dich schon fragen I Ist dies Euer Sohn, Jukosch? — Nein. — Oder Bruder? — Nein. Ich bin kein Zigeuner, wie Sie bemerken! sagte der Bursch, dicht an mein Pult tretend. — Seine Augen sind blau! murmelte Jukosch. — Wie heißt Du? — Sandor und der andere Name ist Modrooki, antwortete Jukosch hastig. — Modrooki heißt Blauauge! rief der Jüngling. So heiße ich nicht. Ich heiße Neiseburg; Sandor von Reiseburg. — Staunend sah ich den Burschen an.
— Reiseburg? Dein Scherz ist sehr übel gewählt. Weißt Du, daß Du Dich auf dem Grund und Boden des Grafen von Reiseburg, daß Du Dich vor seinem Gerichte befindest? — Ick weiß es, rief der Jüngling, denn ich habe dies Schloß, so wie ich in den Hof desselben kam, aus den ersten Blick erkannt. Endlich, endlich habe ich dies Schloß erreicht, wo das Elend, die Schmach des Unglücks mir abgenommen werden wird. Dies Schloß ist der beständige Traum meines Geistes gewesen, seit mein Vater und meine Mutter ermordet wurden! Hier werde ich Recht finden! Hier, wo mir jeder Winkel bekannt ist, hier^ können die Leute nicht wagen zu behaupten: daß ich, Sandor von Neiseburg, nicht mehr lebe, daß ich längst begraben im Todtengewölbe des Schlosses Piaskowa schlafe.
Ich war kaum meiner mächtig.
— Wer ist Dein Vater?
— Bruno, Graf von Reiseburg, erschlagen aufPias. kowa, in der Nacht, als das Schloß, 1846, von aufrührerischen Bauern niedergebrannt wurde.
— Und Deine Mutter ist eine Zigeunerin?
— Wer behauptet das? Meine Mutter war eine deutsche Freifrau, die Gattin meines Vaters. Ich kenne den Namen, wenn ich denselben höre. Jukosch sagte zu dem Jünglinge rasch, angstvoll, einige polnische Worte. — Ihr schweigt und dürft nur Deutsch sprechen!-Er rennt blind in sein Elend, habe ich zu Sandor gesagt; erläuterte Jukosch. Ich habe seiner Ueberredung nach- gegeben, bin mit den Meinigen in dies fremde, kalte Land gefommen, wo nichts frei ist —weder Wald noch Wiesen, ja selbst die Luft nicht — wo wir keinen Schritt gehen konnten, ohne von Häschern begleitet zu sein. Jetzt sind wir endlich am Ziele; aber statt des