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Mp. 82. Hersfeld/ den 16. Oetober. 1861*

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstalten konimt der übliche Postauf­schlag hinzu. Anzeigen aller Art werben ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wie­derholungen mit 6 Heller berechnet.

Der Erbherr.

. Von Adolph rling.

Ich befand mich seit etwa zwei Jahren als Ge- richtshalter auf einem der schönsten Rittergüter Deutsch­lands. Meine Stellung war ebenso einträglich, wie achsnehttfi^Als Verwaltungs- und Justizbeamter war ich die wichtigste Person meines ausgedehnten Amts­bezirks, dessen Grundbesitzer sammt und sonders von dem Gerichtsherrn gutsyerrlich relevirten. Procepe und Vormundschaftssachen, Hypotheken- und Brandver- sichernngs- Angelegenheiten, Steuerbeitreibung, ^agd- und Chansseedienste, Feuer- und Sicherheitspolizei und eine Menge andererRubriken" meiner gewaltigen Re­gistratur ruhten auf nieinen Schultern. Die erste Be­dingung zum Wohlbefinden, hinreichende Arbeit, war somit ausreichend vorhanden und an der zweiten, Muße für Vergnügen und. der dritten, an Geld, um die Muße- stnnden angenehm verbringen zu können, fehlte es auch nicht. Ich bewohnte allein einen ganzen Flügel des gräflichen Schlosses und zwar denjenigen, welcher Die schönste Aussicht über die hügelige, wald- und wasfer- reiche Gegend gewährte, konnte mein Wohnzimmer aus zehn mir zu Gebote stehenden, vortrefflich meublirten Piecen auswählen und wenn ich Pergnügen fand, dasselbe täglich wechseln. Das ganze weite Jagdrevier des Schlosses stand mir znr Beschießung offen. Ich durfte nur winken und eines meiner Leibpferde warb gesattelt vorgeführt. An wissenschaftlich gebildeten Freunden fehlte es mir nicht, denn unserWanderclub." zählte nicht weniger, als zwanzig Mitglieder, Pfarrer, Aerzte, Advocaten, Forstbeamte, und einige benachbarte Guts­besitzer.

- Und doch trotz aller dieser Annehmlichkeiten meiner Stellung fühlte ich mich unbehaglich, kam selten oder nie aus. einer gedrückten Stimmung heraus und endigte damit, den Aufenthalt auf dem Schlosse einer fortwährenden, schrecklichen Folter gleich zu achten.

Mein Patronus, der Graf Lothar von Reiseburg ich unterdrücke aus naheliegenden Gründen den wahren Namen desselben war ein eigenthümlicher Charakter. Der Graf war etwa vierzig Jahre alt, ein schöner Mann

mit dichtem braunem Haar, scharfen, dunklen Augen und von ungewöhnlicher Körperkraft und eiserner Constitution. Er war gründlich gebildet nicht nur, sondern sogar ge­lehrt in verschiedenen Fächern, besaß einen sprudelnden Witz und als früherer Hofkavalier die elegante­sten Manieren.

Ein tiefer, unvertilgbar aus verborgener Quelle hervorbrechender Trübsinn aber machte den Grafen für seine Umgebung zu einer unleidlichen, quälenden, ja unheimlichen Erscheinung. Er zog sich von allen Ge­sellschaften zurück, ließ sich krank melden, wenn aus dem Schlosse, nach alter Sitte, die Nachbarn von Zeit zu Zeit zu einer kleinen Festlichkeit Ungeladen wurden und streifte allein in Feld und Wald mit der Flinte umher, ohne jemals irgend ein Wild zu schießen; oder legte sich wochenlang ins Bett, um einen Korb Wein nach bem andern auszuleeren. Während solcher Perioden durfte sich ihm Niemand nähern, als der finstere, zottel- köpfige Kuba, ein Diener, den der Gras von seinen Gü­tern in Polen mitgebracht hatte. Dieser Kuba war das einzige Wesen, für welches der Graf eine Art von Vor­liebe zeigte, oder, da dieser Ausdruck ungenau ist, von dessen Existenz der Graf Notiz nahm. Er bekümmerte sich weder um die Menschen, noch um die prächtigen Pferde und Hunde, welche sich auf dem Gute be- fanden.

Von Zeit zu Zeit ließ er mich gewöhnlich zu später Abendstunde auf sein Zimmer holen, um mit mir über merkwürdige Crimmalfälle zu sprechen, oder vielmehr, um mich über solche Angelegenheiten mit der peinlichsten Genauigkeit auszufragen. Ich hatte früher zwei Mörder vertheidigt und war bei den Vorbereitun­gen zur Hinrichtung, sowie bei der Scene selbst gegen­wärtig gewesen. Dies war das Lieblingsthema des Grafen. Er fragte nach dem Umfange des Halses der Deliquenten; wo derselbe von dem Schwerte getroffen worden sei? Ob der Scharfrichter hinter den armen Sündern gestanden habe, oder ein wenig seitwärts? Ob das Schwert sehr scharf gewesen wäre, so scharf wie ein Rasirmesser, oder ein Schlächtermesser, »der bloß wie sein Federmesser? Ob das Schwert beim Hiebe gleich anfangs gepfiffen, so daß der Sünder das Signal gehört habe, daß ihm in der nächsten Zehntelsccnnde