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sich selber weinte, weil sie vorher so viele umsonst vergossen. —
„Wohl möglich," versetzte Bruno, „denn als ich von ihm Abschied genommen, verlor ich das Bewußtsein, um es erst nach vielen Wochen wieder zu finden. Mittlerweile halte man, noch Leben in mir verspürend, mich mit den anderen Verwundeten in ein Hospital get^acht. Hier, die Wunde am Kopf" — er strich die Locken auseinander, um die Narbe zu zeigen — „war tief genug, um mein Gehirn erschüttert zu haben, daß ich eben wochenlang mich durchaus auf gar nichts besinnen konnte, obwohl ich schon wieder eine nothdürstige Anschauung von der Gegenwart gewankt. Die Unseren hatten bereits Paris und Frankreich verlassen, als ich soweit her- gestellt war, um meine Umgebung prüfen zu können; ich befand mich in einer französischen Familie, der Mutter von Esperance und einer zweiten Tochter, mit liebender Sorgfalt von ihnen gepflegt. Die Mutter erzählte mir nun, daß ihre Tochter einen Bräutigam unter den wieder heimgezygenen Deutschen habe und daß dieser ihr gesagt, wie einige seiner Kameraden schwer verwundet zurückblieben, daß die gewöhnliche Pflege nicht ausreichen werde, ihr Leben zu erhalten und daß sie namentlich, wenn unter den Verwundeten ein Hauptmann Bruno..."
„Hauptmann bist Du?" fragte die Mutter mit stolzer Verwunderung.
„Nein, jetzt Major," sagte er lächelnd, „aber laß mich erst weiter erzählen, daß also, wenn dieser Haupt« wenn Bruno sich noch am Leben finden sollte, sie ihn wo möglich in ihr Haus aufnehmen und pflegen möchten, und so war es Esperance's angestrengten Bemühungen gelungen, mich, den Besinnungslosen, sozusagen ausgeliefert zu erhalten, als sie sich gewissermaßen legitimirt hatte. So fand ich mich denn bei diesen drei Frauen, und wenn ich von der liebenden Sorgfalt, die sie mir monatelang angedeihen ließen, erzählen wollte, so würde ich nicht müde werden so inen . . . ."
Esperance sprang jetzt wieder auf, zu Bruno hin, hielt ihm abermals mit ihrer kleinen Hand den Mund zu und sagte: „Aber ich würde bald müde werden, das anzuhören, also still davon . . . ."
Er küßte ihre Hand und sagte: „Mein Gott, wenn Sie meinen Dank nicht mögen, verschmähen Sie denn auch den meiner Eltern, sollen wir Alle ewig Ihre Schuldner bleiben?"
„Nur jetzt still davon," sagte Esperance und setzte sich wieder ruhig auf ihren Platz.
Jetzt bat die Dienerin des Hauses Clotilden, einen Augenblick zu ihr in die Küche zu kommen; sie folgte schnell dem Ruf und da das kleine Geschäft der Bereitung einer Erfrischung für die Angekommenen, an welches dießmal die Dienerin eher gedacht, als die Herrschaft, bald vollendet war, so eilte sie noch einen Augenblick hinauf in ihre Stube, um sich für das Kommende zu sammeln, denn sie ahnte nun, daß Bruno Esperance nicht nur als seine Lebensretterin, sondern als seine
Braut in die Arme der Eltern führen werde, und sie mußte sich wappnen, dieser Scene mit edler Ruhe aufopfernder Entsagung zuzusehen. Hatte doch, sagte sie sich, Esperance ein größeres Recht auf Bruno, als sie! Er war vor ihr längst gerechtfertigt, sie hatte ihm nichts zu vergeben, denn vielleicht hatte er sie immer in seiner Erinnerung nur als Schwester geliebt; und wenn auch nicht, sie waren ja voneinander geschieden ohne Schwur, ohne Bündniß, sie hatten sich keine Treue gelobt, sie hatten nur von der seligen Hoffnung gesprochen, sich wieder zu sehen, weiter hinaus war ihr Blick nicht in die Zukunft gegangen I Daß er vorhin im ersten Moment freudetrunken in ihre Arme gesunken war — war es nicht natürlich, mußte sie es ihm nicht verzeihen, daß er im Augenblick der ersten, stürmischen Empfindung des Wiedersehens sie feurig umarmt und geküßt hatte, wenn auch nur als seine Schwester ? er war gerechtfertigt vor ihr, aber als sie jetzt von unten herauf Esperance's Stimme mit lautem Jubel rufen hörte: „mein Bräutigam!" so ertrug sie es doch nicht, ihre Kraft, von den vielen letzten gewaltigen Erlebnissen zweier Stunden überwältigt, verließ sie, ihre Sinne vergingen und sie sank bewußtlos am Sopha nieder. Wohl über eine halbe Stunde mochte sie so gelegen haben, als Bruno rasch in ihr Zimmer stürmte.
Erschrocken hob er die Regungslose auf, nahm sie auf seinen Schooß, rief und lispelte immer: „Clotilde^ meine Clotilde!" und legte, das blasse Angesicht streichelnd, ihr Haupt sauft an sein klopfendes Herz.
Da schlug sie die Augen auf und erröthete, daß er sie so gefunden; sie hatte ja stark und glücklich vor ihm erscheinen wollen, damit ihr Schmerz sein neues Glück in der Heimath nicht störe; sie richiete sich aus seinen Armen auf und wollte sich von ihm losmachen. Er aber hielt sie nur fester und sagte: „Clotilde! Geliebte, nun darf ich Dich doch meine Braut nennen? Nun bist und bleibst Du mein, nun trennt uns nichts mehr als der Tod, nun traut uns das befreite Vaterland!"
Sie dachte, sie träume noch, und sagte nur leise flehend, beinah vorwurfsvoll: „Bruno, schone mich!"
„Clotilde! vergiß den unseligen Irrthum einer Stunde, ich bin und bleibe Dein, Du meine erste heilige Liebe; es liegt Nichts zwischen jenem Pfingsttage vor drei Jahren und dem heutigen — Nichts, als die lange Geschichte einer einzigen Liebe und Sehnsucht meines Herzens für Dich und nach Dir; und nun mußte ein Mißverständniß die ersten Stunden des Wiedersehens verkümmern! Gott sei Dank, daß es noch so schnell sich löste; komm herab, daniit unsere Eltern uns segnen, uns und das andere Brautpaar — Esperance und den Lieutenant v. Tannstätt, der eben ankam, als Du uns jetzt verlassen hattest."
„Bruno, so war's ein Irrthum, so warst und bliebst Du mein?"
„Dein! Dein! aber nun komm hinab zu den Harrenden!" (Schluß folgt.)