Nr. vZ.
Hersfeld, den 7. September.
1861t
Dor--^HersfeIder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7^ Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postauf- schlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bet Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Zwei Pfingsten.
(Fortsetzung.)
Der Pfarrer war indessen in den Garten getreten, gab jene beiden Briefe an Clotilden und eilte nun auch der Gattin nach, dem Sohne entgegen. Er wußte eigentlich selbst nicht, was er that, als er zu Clotilden sckweigend hinabging, aber er dachte doch: besser, sie erfährt es gleich als daß sie erst enttäuscht wird, wenn es nicht nur ihre Liebe, sondern auch ihren Stolz verletzt, vor Bruno und Esperance! Clotilde nahm verwundert die Briefe, und da sie Bruno's Hand erkannte, so las sie den seinigen, selbst jetzt in dieser bewegten Minute — dachte sie doch Näheres daraus über Bruno zu erfahren, und wie nur eben die Mutter zu der Kunde seines Lebens, seiner Wiederkunft gekommen sei. Wie sie nun den einen Brief gelesen hatte, so las sie auch den andern, dann lehnte sie sich an das Gartengeländer, um nicht zu sinken; aber da hörte sie, wie Esperance, ein französisches Liebchen singend, von ihrer vorigen Flucht zurückkomme, da knüllte Clotilde die Briefe krampfhaft in der Hand zusammen, die sie hielt, und eilte durch eine Seitenthüre in das Haus und hinauf in ihr einsames Stäbchen. Hier hatte sie noch gestern um den todten Bruno geweint, dessen letzter Seufzer Clotilde gewesen war und der ihr ewig lebte, ob sie ihn auch sich von der Erde genommen glaubte, und nun dachte sie an den Bruno, in dessen lebenskräftigen Armen sie erst vor wenig Augenblicken geruht, und der ihr doch verloren war, der sie nicht mehr liebte, wie sie ihn, der sich wohl nur gefreut, eine Schwester wieder zu finden, nicht eine Geliebte, und sie fühlte es deutlich sie sei heute unglücklicher als gestern; — und er lebte doch, aber ihr lebte er nicht mehr, so wie gestern!
Die Eltern waren jetzt wieder zurückgekehrt mit dem theuern, wiedergefundenen Kleinode; auch Esperance trat jetzt zu ihnen; man hatte ihrer im ersten Rausch des Glückes vergessen, nur Clotilde nicht, die jetzt in ihrem Zimmer am Fenster stand und zu der Gruppe halb vorgebogen hinablanschte. Und wie vor drei Jahren rief Bruno zärtlich hinauf: „Clotilde I warum kommst Du nicht?"
— »Ich komme!" antwortete sie freundlich, dann seufzte sie tief und ging gefaßt und mild hinab.
Bruno sprang ihr entgegen, und als man dann unten sich setzte, sagte er: „Komm, ich muß zwischen Dir und der Mutter sitzen," und zog Clotilden dicht neben sich, ihre Hand in der seinen, obwohl sie ihm sie nicht lassen wollte und einen verstohlenen, ängstlichen Blick, erröthend und zitternd zugleich, auf Esperance warf. Diese sprang jetzt auf und sagte mit komischem Zorn zu Bruno: „Nun dächt' ich, mein Herr Ritter, da ich nun einmal mit da bin, könnte man auch so artig sein, mich vorzustellen!"
— „Verzeihung!" sagte Bruno, und begann nun: „Fräulein Esperance I., meine Lebensretterin . . . .* aber Esperance sprang auf ihn zu und, ihm den Mund zuhaltend, lachte sie drohend: „So war's nicht gemeint, und wenn jetzt etwa eine lange Geschichte kommen soll, laufe ich davon oder singe mir Eins."
Die Pfarrerin warf einen prüfenden Blick auf die kleine Muthwillige und konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, als sie auf Clotilden sah, — war es denn nur möglich, daß ihr Sohn diese hohe, sinnende deutsche Jungfrau, die in keuscher Schönheit wie eine heilige Madonna neben ihm saß und doch hingebendes Liebesgefühl auf ihrem Antlitz zu lesen war, das in der Tiefe ihres Herzens noch unendlich allmächtiger und gewaltiger sein mochte, als es auf der äußern Oberfläche sich zeigte — daß er diese hatte vergessen können über einer muthwilligen, kindischen Französin voller Launen und Koketterien, wie Esperance zu sein schien? Sie schüttelte den Kopf und das Männerherz begann ihr ein Räthsel zn werden, wie es ihr schon manchmal dazu geworden war. Aber auch das Herz des eigenen Sohnes? auch er? auch er?
„Erzählen muß ich's doch, wenn auch jetzt nur kurz " sagte Bruno. „Der Freund, dem ich, schwer verwundet auf dem Schlachtfeld, als ich glaubte, meine letzte Stunde sei gefommen, noch einen Gruß an Euch auf trug, hat Euch also die Nachricht meines Todes gebracht?"
„Er sagte, daß er Dir die Augen zugedrücksi" sagte die Mutter, jetzt wieder zu Thränen erschauert, obwohl sie diese Thränen nun eigentlich nur aus Mitleid um