Einzelbild herunterladen
 

pers selber Anzeiger.

Nr. 69t Hersfeld, den 31. August. 1861*

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postauf­schlag hinzu. Anzeigen aller Art werden aufgenummen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wie­derholungen mit 6 Heller berechnet.

Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:

zu der von dem Erblandpostmeister dem Herrn Fürsten von Thurn und Taxis, in Vorschlag gebrach­ten Versetzung des Postverwalters Paul Völker zu Grebenstein, in gleicher Eigenschaft nach Gudens- derg die allerhöchstlandesherrliche Genehmigung zu ertheilen.

Zwei Pfingsten.

Novelle von Louise Otto.

(Fortsetzung.)

Schon vorher hatte Clotilde an ihren Vater und den Major v. Tannstätt ihren Entschluß geschrieben, daß sie nicht vermöge, ihre Wünsche zu erfüllen, weil sie nur achten könne, wo man ihre Liebe fordere. Dem Vater besonders hatte sie gesagt, daß er ruhiger über sie sein möge, wenn er sie frei und einsam, ob auch ei­nem ungewissen Loose preisgegeben, als wenn er sie gegen manche Anfechtung des Schicksals gesichert wisse durch ein Band, das ihr selbst nur als eine lastende Fessel erscheine. Der Vater, obwohl tief bekümmert, seinen Lieblingswunsch scheitern zu sehen, hatte die Toch­ter doch gewähren lassen, und der Major, beschämt und ärgerlich durch die Nichterfüllung voreiliger Hoffnun­gen, hatte bald darauf um eine andere Frau geworben, an deren Seite er nun schon seit länger als einem Jahre unglücklich war.

Die großen Völkergeschicke sind weltbekannt. Die Deutschen zogen siegreich ein zu Paris; auch Clotildens Vater und Bruno waren mit dabei und fanden sich hier zum Erstenmale zusammen auch zum Letztenmale. Bruno hatte nicht zu den Seinen zurückkehren können, nur Grüße sandte er ihnen in neuer Siegesfreude und alter Liebe. Clotildens Vater aber kam krank an den Folgen seiner Wunden in seiner Heimath an, wo er aus dem Kriegsdienst scheidend seine Tochter wieder zu sich berief. Sie schied aus dem Pfarrhause, der Pflege des kranken Vaters sich widmend, der ihr viel erzählte

von Bruno's ruhmvollen Thaken. Der März 1815 war gekommen mit ihm Napoleon. Clotildens Vater rang nur in heißen Fieberphantasien die neuen, heißen Kämpfe mit; die Schlacht bei Belle-Alliance ward ge­schlagen und Paris zum zweiten Mal erorbert. Bruno war mit dabei unter Blücher's Fahnen das wußten, die Seinen, aber weiter wußten sie nichts von ihm wußten bis heule weiter nichts. Der zweite Friede zu Paris war am 20. November geschloffen worden; als auch bald darauf die frohe Friedenslunde nach Deutsch­land kam und ringsum wiederhallte, starb Clotildens Vater an der Freude, doch noch diesen Tag erlebt und die Sonne des Friedens gesehen zu haben.

Clotilde kehrte nun zurück in das stille Pfarrhaus, den Bitten seiner Bewohner nachgebend. Mancher bie­dere Mann hatte um ihre Hand geworben, aber für jeden hatte sie dieselbe Antwort gehabt.Sei unser Kind," sagte ihr die Pfarrerin,da ich keinen Sohn mehr habe!" Ein Kamerad Bruno's war mit einer Locke und einem letzten Gruß von ihm gekommen er hatte ihm die Augen zugedrückt im Angesicht von Paris, wo er ihn unter den Sterbenden gefunden. Sein Grab wußte er nicht.

So lebten denn nun die kinderlos gewordenen El­tern, jetzt Clotilden als ihr Kind betrachtend, in stiller Trauer seit dem Spätherbst, wo sie die schreckliche Nach­richt empfangen hatten, wie sie vorher in stiller Freude gelebt.

Und jetzt war der Frühling und der Mai und Pfingsten wieder da. So Vieles ist wie vor drei Jah­ren, und doch ist es wieder so ganz und gar nicht so. Clotilde widersteht der Sehnsucht nicht, die sie schon damals nach dem hohen, waldumgrenzten Berge zog, und sie geht jetzt dahin, aber ohne Begleitung.

AIs sie jetzt schon weit gestiegen war allein auf dem mühevollen Pfad, der ihr aber auch jetzt allein leicht zu gehen ward, denn sie' war ihn schon so oft ge­gangen; als die wohlbekannte Quelle ihr heut wie immer entgegengelaufen kam, so bedurfte es wahelich nicht der Mahnung all' der blauenden Vergißmeinnicht, die sie umstanden, um Bruno's Bild vor sie hin zu zaubern. Sie hatte in jedejr Minute an ihn gedacht, und doch«, traten ihr jetzt und hier wieder die Thränen