Mp. 66* Hersfeld, den 2l August. 1^61«
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Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
dem Bürgermeister Johannes Schäffer zu Erb- stadt und dem Bürgermeister Carl Ludwig Schäfer zu Rährkasten das silberne Verdienstkreuz zu verleihen, den Oberhofmarschallamis-Ganzlisten Gustav Schic- mer nunmehr provisorisch zum zweitenHofküchschrei- bet zu ernennen,
dem Unterofficier Christian Icke von der Handwerker-Compagnie des Artillerie-Regiments das silberne Berdienstkreuz zu verleihen.
Die Schlacht bei Manaffas.
(Fortsetzung und Schluß.)
Noch sah ich viele Ofsiciere an mir vorüberrennen, die alle riefen, die ganze Armee sei furchtbar geschlagen, und der blessirte General Tyler wurde an mir vorüber- gefahren, aber noch immer sah ich nicht den Grund dieser schmählichen Flucht und auch nichts, was einem wirklichen Rückzüge ordentlicher Truppen ähnlich sah. Dagegen traf ich, als ich von der Straße, die nachgerade unwegsam geworden war, seitwärts in die Kornfelder Hineinritt, immer mehr Soldaten, die einzeln oder gruppenweise des Weges kamen, ihre Gewehre, Tornister und Kochgeschirre hatten sie von sich geworfen, die Verwirrung auf der Straßa wurde immer ärger, Hunderte, die gar nicht verwundet zu sein schienen, fuhren in den Am- dulancen daher, und Andere, die den Namen Soldaten mmmer verdienen kamen auf Pferden und Maulthieren dahergeranüt, die sie mitsammt dem Geschirr von dem Bagagewagen weggenommen hatten, um rascher zu entkommen. Und doch sah und hörte ich nirgends den Feind, vor dem sie Reißaus nahmen. Das Geschützfeuer ver- nahni lch nur aus ziemlich weiter Entfernung.
_ weiter ich vorwärts kam, desto mehr Gewehre, Lgbel, Patrontaschen, Mäntel, musikalische Instrumente, ja selbst Zwieback und andere Eßwaren sah ich rechts ^M Boden und erst nach einer guten x.>eue stieß ich auf die erste ordentlich retirirende Jn-
fanterieabtbeilnng, die anständig aber eilig zurückmar- schirte. Die Leute sahen nicht danach aus als ob sie im Feuer gewesen wären.
Ich war ungefähr dritthalb Meilen vom Hügel vorwärts geritten — genau kann ich die Entfernung nicht leicht angeben — da kam ich auf offenen Grund, der halbmondförmig vom Walde eingesäumt war. Zwei Feldgeschütze standen hier abgeprotzt um die Straße zu bewachen, die abgespannten Pferde und die Artilleristen sahen ermattet und abgearbeitet aus. Einzelne Kanonenschüsse tönten vor uns aus dem Dickicht heraus, aus unserer Linken war das Feuer verstummt. Eben wollte ich mir meine Cigarre anbrennen, als rechts Gewehre knatterten und ein Haufen Soldaten aus dem Walde herausgestürzt kam. Rasch wurden die Geschütze gerichtet, aber bald stellte es sich heraus, daß es „unsere Leute" waren und wenige Augenblicke später kam ein ganzes Regiment heransgestürzt. „Kavallerie ist uns auf den Fersen, wir sind in Stücke gehauen" rief einer der Vordersten und wie ers sprach kamen einige Kugeln geflogen und wieder ein Haufen aus dem Walde herausgerannt. Jetzt ward ich zu meinem Erstaunen gewahr, daß die Artilleristen sich aus dem Staube gemacht und eine ihrer Kanonen im Stich gelassen hatten, um mit der Bespannung das Weite zu suchen. Von einem Cavallerieangriff aber war weiter nichts zu sehen, und Murat selbst hätte sich dazu in einer so tiefliegenden, waldumsäumten Straße schwerlich entschlossen.
So viel war mir jetzt klar — der Rückzug hatte allen Ernstes begonnen, obwohl ich noch wenige Verwundete erblickte, auch nicht unter dem Regimente, das eben aus dem Walde heransgestürzt war und von einem Cavallerieangriff erzählte. Keiner wußte Bestimmtes zu berichten, und die Ofsiciere faselten wie gewöhnlich von maskirten Batterien. Nur ein Einziger von ihnen ließ sich etwas vernünftiger über die starken Stellungen des Feindes, den Mangel einer Reserve, schlechte Führung und erbärmliche Haltung mehrerer Regimenter vernehmen. Allesammt jedoch dachten sie höchstens an einen Rückzug bis Centreville und nicht weiter.
Die Staubwolken der Flüchtigen auf der Straße wurden mittlerweile immer dichter, und ich war 30 Meilen von Washington entfernt, wo ich allein auf ein Nacht-