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Nx. 64» Hersfeld, den 14. August. 1861«

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Zwei Pfingsten.

Novelle von Louise Otto.

(Fortsetzung.)

Ciotilde sah Bruno schnell mit ernstem, fragendem Blicke an, als sagte sie damit: darum nur? ihr Mund aber schwieg. Doch er hatte den Blick verstanden und fuhr in seiner abgebrochenen Rede fort:Wir werden ja so nicht mehr lange bei einander sein; ich mag mich nicht trennen, wenn ich nicht muß.«

Ach. denkt daran jetzt lieber nicht, laßt Euch von trüben Zukunfts-Aussichteu die stille Pfingstfreude nicht verderben!" sagte die Mutter unendlich sanft und liebe­voll. Und so konnte jetzt auch nur eine Mutter sprechen, eine so aufopfernde, selbstvergessende Mutter, wie eben diese war, denn Bruno hatte ihr eigentlich mit seinem unüberlegten Wort, das er soeben gesagt, gerade so weh gethan, wie vorhin Clotilden. Denn wie er sagte:Wir werden ja so nicht mehr lang beieinander fein" u.s.w., und deßhalb mit dem Mädchen ging, so trennte er sich ja zugleich von der Mutter und dachte dabei nicht daran, daß er mit ihr auch nicht mehr lang bei einander sei, so dachte er in denr Augenblicke gar nicht an sie, und sie war ihm jetzt überhaupt gar nicht da, oder gar Nichts. Er wußte es nicht und hätte es vielleicht auch nie be­greifen können, daß er etwas Schmerzendes gesagt; er war ein treuer Sohn und hätte um Alles in der Welt niemals die gute Mutter kränken mögen, die er hoch-. achtete, wie weiter kein Wesen auf der Welt, und die Mutter verbarg ihm eben hinter einem Lächeln das leichte Zucken ihres Herzens eines Mutterherzens!

Denket nur nicht, daß solch ein Mutterherz das Wort eines Sohnes nicht in gleicher Tiefe em­pfindet wie die Geliebte, es ist nur der Unterschied, daß es vie Mutter gleich im eigenen Herzen vergibt und gar kein grollendes Gefühl in sich aufkommen läßt, daß sie dem eigenen Kind und seinem Glück und seiner Freude Alles opfern kaun, was ihr theuer ist Alles, sogar oen wärmsten Ausdruck seiner Kindesliebe, der doch ihr Höchstes ist auf der Welt, und daß sie das sogar mit einem Lächeln kann. Glaubt nur, solch ein stilles, nur den innersten Tiefen ihrer Seele gebrachtes Opfer -si ihr noch unendlich höher anzuschlagen, wie all' die

Mühen und Sorgen und Aenzsten, die sie in den langen vierundzwanzig Jahren um ihn gehabt, in denen sie nur für ihn gelebt.

Jetzt stand sie hinter der blühenden Hollunderhecke ihres Gartens und schaute dem Sohne nach, wie er so schön und männlich dahinging an Clotildens Seite, und ihr Antlitz strahlte vor belebendem Mutterstolz. Eine Thräne trat in ihr Auge; sie wußte selbst nicht, ob sie vor Freude oder Schmerz weinte, vor Freude, daß dieser herrliche Jüngling, dem alle seine Lehrer und Kameraden und Alle, die ihn kannten, die trefflichsten und ehrendsten Zeugnisse in Liebe und Achtung gaben, wirklich ihr Kind sei, und dann vor Schmerz, daß er nun auch hingehen werde in den schrecklichen Kampf, der schon so viele Mütter ihrer Söhne beraubte. Der Pfarrer war zu ihr getreten, als sie so stand und weinte. Er klopfte sie sanft auf die Schulter und sagte, indem er ihren letzten Gedanken errieth:Mutter, betrübe Dich nicht im Voraus!"

Ach, es ist doch ein herrlicher Junge," sagte sie jubelnd, wieder schnell zu ihrem ersten Gefühl zurück kehrend, damit sie nicht etwa selber gegen das ®'bot fehle, das sie erst vorhin dem Sohne gegeben: sich nicht durch trübe Zuknnfrs-Aussichteu die stille Pfingstfreude zu verderben.

Aber der Pfarrer war noch in seiner hohen Pfingst- begcisterung, mit der er diesen Morgen gesprochen, und sagte, frohlockend wie die Gattin, aber noch erhabener gestimmt wie sie:Ja, Du hast Reckt, es ist ein herr­licher Junge, und wenn noch viele Mütter dem armen Vaterland solche begeisterte Streiter erzogen haben, so wird es doch endlich gerettet werden; ja sei nur stolz darauf, daß er so geworden und nun innthentflammt hinzieht; der Herr wird mit ihm ftin, und selbst wenn wir ihn verlören, er wird immer unser Stolz bleiben.

Sie brach wieder in Thränen aus und lehnte sich an die Schultern ihres Mannes, wie daß er sie stützen solle, wenn sie zu erliegen drohe.Ja," sagte sie,als er noch ein Knabe war, da sagt' ich wohl oft:menn Bruno groß wäre, dann sollt' er mit fechten helfen für das arme Vaterland gegen die Unterdrücker, er sollte Alle, die mit ihm ziehen, begeistern und ermntbigeu,* und so ttt diesenk Sinne erzog ich ihn; Dich bannten