Hersfcl-cr Anzeiger.
Stp. 5«. Hersfeld, den 17. Zuli.
1861.
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7^ Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anwigen aller Art werden aufgennmmen und die Zeile oder bereit Raum mit 8 Heller, bet Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
den Premierlieutenant Stähle von der Pionnier- Compagnie zum Hauptmann und Batterie-Chef im Artillerie-Regiment zu ernennen.
Der Ruvin.
Won Adolph Görling.
I.
Durch das Gewühl der eleganten Wagen, welches vom Hydepark, die St. James' Stret entlang, an schönen Frühlingstagen flutet, strich pfeilschnell eine vom Park kommende elegante, mit blitzenden Wappen geschmückte, Equipage. Zwei Damen, den vollständigsten Contrast darbietend, saßen in dem Fuhrwerke.
Die eine Dame war gegen vierzig Jahr und erschien so ungewöhnlich groß und fett, daß sie sich sehr wohl hätte für Geld sehen lassen können. Hut und Hutbänder, Robe und Shawl waren von so auffallenden Farben, als hätte es diese Dame besonders darauf an- gelegt gehabt, durch ihre Papageienhülle die möglichste Aufmerksamkeit zu erregen. Die Juwelen, welche diese Riefin trug, waren von ungewöhnlicher Größe, und die goldene Kette. an ihrem Lorgnon hätte sehr wohl als Halfterkette für einen Pony gebraucht werden können, ohne daß man ein Zerreißen derselben hätte zu befürchten brauchen. Das in echtem, aber jedenfalls natürlichem Purpur stralende Gesicht mit den scharf blickenden grau- £Ptnr- eit. ^u$en trug den Ausdruck männlicher Ent- schlossenheit und erbarmungsloser Härte. Wenn die Dame sprach, so sah man eine Doppelreihe von fürch- terlichen Zahnen, breit und lang und androhend: daß vwse Dame jede Beleidigung, ja jeden Zweifel an ihrer
< Mverainen Berechtigung schnell und nachdrücklich ahnden werde.
Diesem „Linienschiffe" — wie der Engländer Damen otcher Art nennt—gegenüber, saß in bescheidener Hal- iun9e^ vielleicht kaum erst achizehnjähriges -tätigen, im einfachsten, blaßblauen Baregekleide, einem
schwarzen Strohhut mit schwarzer Feder auf den blonden, schlicht dressirten Haaren. Als einzigen Schmuck trug sie ein kleines rothes Herzchen von Schmelz an einer dünnen, knapp um den Hals liegenden Korallenschnur. Dies junge Mädchen besaß ein bemerkens werth schönes, ausdruckvolles Gesicht und die sanftesten Augen von der Welt. Sie schien vor ihrer kolossalen Gesellschafterin eine heimliche Furcht zu hegen; denn sie Vermiet» es, dieselbe anzusehen, und schrak jedes Mal, wenn sich die bohrenden Augen der Riesin auf sie richteten, zusammen.
Die Riesin war Lady Mary Hanton, die Gemalin eines verdienstvollen, alten Infanterie - Generals, und das junge Mädchen, Mathilde Clarv, war die Gouvernante der beiden Kinder des Hantonschen Ehepaars, eines Knaben und eines Mädchens im Alter von acht und sechs Jahren. Außer dielen Kindern besaß die Lady Hanton noch eine erwachsene Tochter aus früherer Ehe, Miss Doris Dibdins, welche die gegründetste Hoffnung erregte, daß sie einst als das getreueste Ebenbild ihrer Mutter erscheinen werde.
— Nun, fragte die Generalin das junqe Mädchen mit scharfem Tone, haben Sie sich besonnen? Wollen Sie antworten?
Miss Clary, welche bisher fast zusammengesunken dagesesien hatte, richtete sich, wie durch ein plötzliches Commando, oder einen rüden Schlag bestimmt, auf.
— Meine Dame, ich kann Ihnen in der That nicht antworten; ich habe Ihnen bereits meine wahre Meinung mitgetbeilt.
— Also Sie leugnen noch immer? Wie schamlos! Ich habe nie sehr viel von Ihnen gehalten, meine schöne Miss mit dem Fiebergesicht, aber dennoch ahnte ich nie, wie tief verdorben und verworfen Sie sind, schöne Miss!
— Madam, rief das Mädchen, indeß rasch ein tiefes Roth auf ihren Wangen brannte, hören Sie auf, mich mit gemeinen Schmähungen zu überhäufen, die ich nie verdient habe.
— Wollen Sie schweigen, Sie mit Ihrem Putergesicht?
— Ich bin nicht hier im Wagen der Puter, Madam! Und ich sage Ihnen, daß ich keinen Schritt weiter in Ihrer Gesellschaft bleibe, wenn Sie es wagen, Ihre Beleidigungen, Ihre Schimpfworte gegen mich zu wie-