sr*. 49* \ Hersfeld, den 22. Juni. 1861*
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G a m i o r.
Novelle von
Adolph Görling.
(Fortsetzung.)
„Ich warb in Göttingen in Deutschland Doctor, den» auf einer kaiserlich russischen Universität würde ich, da mich mein Herr nicht loszugebe» entschlossen ist, niemals zur Promotion gekommen sein. Mein Doctor- diplom wäre mein Freibrief gewesen."
„Wer ist Dein Herr?"
„Fürst Pawl Kabcharaj von Guriel."
„Weiß er, daß Du hier bist?"
• „Nein, allergnädigster Herr. Er würde mir diesen Weg nicht gestattet haben, weil es möglich ist, daß er mich dadurch verlieren kann."
Der Kaiser sah ernster, als gewöhnlich drein.
„Wegen Deiner möglichen, glücklichen Erfolge? sagte er nachdrücklich. Das ist eine sehr schwere Beschuldigung."
„Eure Majestät haben dieselbe ausgesprochen, nicht ich;" erwiederte Gamior mit Festigkeit.
„Aber Du hast diese Beschuldigung gedacht und sie gehört daher Dir. War das nicht auch der Grund, weshalb der Professor Romberg Deine persönliche Situation verschwieg? Die Großfürstin hofft indeß, daß sie Ursache haben möge, Dir dankbar zu sein . . ."
Der Kaiser seufzte bei dem Gedanken an~ seine kranke Lieblingstochter und setzte eine silberne Dchelle kurz in Bewegung.
Die schöne Polin, Jadwiga Jnogoska erschien im Vorzimmer.
„Ich bringe den tatarischen Arzt;" sagte Nikolaus. »Ist die Großfürstin vorbereitet, ihn zu sehen?"
Statt der Antwort öffnete die Ehrendame die Thüren.
Gamior trat mit dem Kaiser in ein halbdunkles, weites Gemach., Auf einem Ruhebett lag die Kranke in Shawls eingehüllt. Vor dem Lager in einem großen Lehnstuhle kraftlos zusammen gesunken saß eine hagere Dame mit ernsten, strengen Zügen, über welche sich 'von
Zeit zu Zeit ein gichtisches Zucken verbreitete. Man hätte sich fragen können, ob die Letztere, die Kaiserin, die Kranke, oder ob solche die Großfürstin auf dem Divan war. Einen lebhaften Kontrast boten die beiden Ehrendamen mit ihren blühenden Wangen und strahlenden Augen dar.
Der Kaiser machte eine Handbewegung, welche den Arzt an das Ruhchett wies. Gamior näherte sich langsam. Die Großfürstin richtete matt den Kopf auf und betrachtete den Arzt aufmerksam. Er schien einen günstigen Eindruck auf sie gemacht zu haben, denn sie be- wegte die Hand, daß er ihr noch näher komme. Gamior gehorchte und betrachtete die Kaisertochter mit ernster Aufmerksamkeit. Von Zeit zu Zeit überfiel dieselbe ein erstickender Husten; dann ergriff der Kaiser ihre Hand, als erhalte sie durch diese Berührung neue Kräfte. Niemand im Zimmer sprach eine Silbe.
Nach ungefähr zehn Minuten, während welcher Gamior dies schöne, fast sterbende Wesen beobachtet hatte, trat er mit tiefer Verbeugung zurück. Der Kaiser winkte dem Arzte und beide kamen in das erste Vorzimmer zurück. Nikolaus öffnete ein Seitenkabinet und Gamior befand sich mit dem Kaiser allein, der ihn fast schmerzlich aubltckte.
„Wie findest Du Ihre kaiserliche Hoheit?" fragte der Kaiser in gedämpftem Tone. „Bedenke, daß sie Deine wahrsten Gedanken zn wissen verlangt. Du bist nicht im Stande, sie zu retten?"
Gamior schwieg.
Eine lange Pause entstand, während welcher der Mächtige sich umwandte, und die Hände anf dem Rücken, aus dem Fenster über den breiten Strom hinblickte.
„Wie lange kannst Du ihr Leben fristen?"
„Das zu bestimmen; mein Kaiser, wäre für mich Vermessenheit. Aber ich hoffe, daß Ihre kaiserliche Hoheit nicht vor Ablauf von zwei Monaten stirbt, wenn sie meinen ärztlichen Rath befolgt.»
Nikolaus ward immer düsterer.
„Gnadenreicher Gott, nur noch zwei Monate?" murmelte er. „Du bist nicht Homöopath," fragte er dann laut.
„Nein, Euer Majestät."
„Der Leibarzt Dr. Mandt behauptete, die Groß-