Hersfel-rr Anzeiger.
Np. 48. Hersfeld, den i9. ,Sunü 1861.
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der ExpeditiWrWeumarkt Nr. 587) pro Quartal 71 Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postauf- schlag hinzu. ^Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
dem zum Präsidenten der zweiten Kammer der Landstände gewählten Abgeordneten, Obergerichtsanwalt und Oberpostmeister Nebelthau
und dem zum Vicepräsidenten der gedachten Kammer gewählten Abgeordneten, Rentier Wilhelm Zlegier die laudesherrli l e Bestätigung zu ertheilen, sowie dem Kandidaten der Thierheilkunde Philipp Weder aus Asbach die Praxis als Thierarzt erster Klasse mit dem Wohnorte Carlshafen zu gestatten.
Gamior.
Nove lle
von ’ |P
Adolph Görling.
—
(Fortsetzung.)
A^ Kabcharaj aber die Marmortreppe hinangelaufen war, fand er außer den Herren vom Dienst nur noch den Professor Dr. Romberg, einen weißhaarigen, ruhigen, »lehr gelehrt als vornehm aussehenden Mann, von welchem er erfuhr, daß der Dr. Gamior schon seit einer halben Stunde in die inneren Voigemächer der Kaisertochter abberufen sei.
„Wird er sie retten?" fragte Kabcharaj flüsternd.
Der Deutsche sah den Frager starr uud gleichgültig au, die blauen Gardekosaken au der Thür aber bewegten die Ohren und der Adjutant du jour Fürst Galyzin den Asiaten mit einem furchtbaren Blicke an.
Kabcharaj drehte" sich um, und lief die Treppen ylnnnter, indeß er bedachte, daß er noch einen „wilden
“‘r ^r Grenze Jmeretiens habe, der ihn, den Kahchara; sehr leicht ersetzen könne, wenn der Kaiser wolte. ^etzt verwünschte er die unsinnige Idee, diesen Sctaven der sogar Fürstinnen zu bezaubern im Stande ®a7 l”^ langst nach Guriel oder zum Schaitau gesandt zu haben. Er ging zur Officierstube der Palastwache, -mrr h,er-wenigstens den Erfolg der Audienz des Arztes abznwartey, Er schrieb mit Bleifeder einen Zettel, daß
er Gamior freilasse; aber konnte ihm nicht bereits der Kaiser das Wort der Freiheit gegeben haben? Er zerriß den Zettel und wartete.
Unterdeß standen Gamior und Mitrophan Jurijew in den innern Borgemächern. Hier schien heute Alles wie ausgestorben. Eine peinvolle -halbe Stunde verging, ohne daß die beiden Männer anders als durch Blicke mit einander zu sprechen wagten. Endlich nahte ein rascher, entschiedener Tritt.
„Der Kaiser!" murmelte Mitrophan, sich beugend und bekreuzend,
Kaiser Nikolaus trug einen laugen, grauen Soldatenrock, der fast mantelartig weit war und dicke golbne Epaulettes. Das edle, gebieterische Haupt war entblößt. Sein Mund war fest geschlossen, fast gepreßt. Die glänzenden, kaltblickenden Augen trafen mit ihrem Blick zuerst, den alten Russen,-dann.Gamior.
„Ist dieser Dein Arzt, Vater?" fragte der Kaiser und stellte sich ohne eine Antwort abzuwarten, vor den jungen Mann; indeß er ihn fest ins Auge faßte und bann einen Blick, gleich einem Blitze von Gamlors Scheitel bis zu dessen Fußspitzen herabfahren ließ.
„Du bist ein Atzt und hast nicht die Doktorwürde?" fragte der Kaiser, einen Blick auf den langen, tatarischen Kaftan werkend, den Gamior statt des Fracks angelegt hatte.
„Ich habe den Doctorhut erworben, allergnädigster Kaiser!" erwiederte Gamior mit ungezwungener Ruhe.
„Weshalb erscheinst Du denn, Deinem Mnge gemäß, nicht in französischer Kleidung? fuhr der Kaiser, stets rasch und in eisig kaltem Tone sprechend, fort. Du würdest dann wenigstens nicht für einen Komödianten gegolten haben."
„Eure Majestät! erwiderte Gamior sehr ernst; ich würde in französischen Kleidern erschienen sein, wenn mir's erlaubt wäre, den Bart mir entfernen zu lassen."
„Hast Du ein Gelübde gethan?"
„Nein, ich bin ein leibeigener Mann."
Die Leibeigenen haben nämlich die Erlaubniß ihrer Herren nothwendig, wenn sie ohne den Bart, den Ar- beiter, Bauern und -Kaufleute tragen, erscheinen wollen.
»Wie kannst Du Leibeigener sein, wenn Du Doc- tor der Medicin bist?" (Forts. f.)