Nr. 46+
Hersfeld, den 12. Juni.
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Gamior.
Novelle
von
Adolph Görling.
(Fortsetzung.)
Jlia hat das Recht dazu, den Kaiser und Jeden zu fahren, wenn er will..." war die Antwort.
„Dich auch, Turginoff?" spottete ein dritter Gardist.
„O ja, wenn id/3 erlaube I"
„Pu meinst," rief ein finster blickender junger Mann, in der Tracht der Tscherkessengarde, „Kaiser muß gehorchen, wenn Jlia ihn fahren will?"
„Wahrhaftig, Jadrian Kolaneff," rief Turginoff „das muß der Kaiser."
„Dann ist Kaiser nicht Kaiser; Kaiser ist Jlia."
Die Leute, welche sich unterhielten, waren Garde- officiere, die jetzt sich von: Hauptportale auch rechts wandten um den Pavillon das vorspringende, thurmähn- liche Eckgebände des sogenannten L-Flügels, des linken Flügels der Caserne, zu erreichen.
Hier in diesem weiten Innern des Pavillons betraten die Gardisten ein großes langes und hohes Zimmer, das außer zwei eisernen Feldbeltstellen mit Decken, einige Koffer, aber eine ganze Sammlung von Handwaffen aller Art zeigte. Ein orientalischer Musmud, ein Divan von weichen Kissen nahm die eine Wandseite ein. Pfeifen, Pläne von Schlachten, Karten, schmückten die Wände. Das Schreibzeug stand dagegen auf dem po- lirten Fußboden und eben hier befanden sich auch, dicht vor dem Musnud angefangene Zeichnungen, Briefbogen, Rapporte und russische Zeitungen.
Eine der Zimmerzierden hätten wir fast vergessen zu erwähnen, und doch war diese in einer Hinsicht wenigstens höchst charakteristisch für die Inhaber des Zimmers.
Dies war ein runder Spiegel, dessen Glas, statt weiß zu sein, brennend roth gefärbt war. Ein düster- rother Wetterschein mit den seltsamsten Lichtreflexen legte sich aus das Bild eines Jeden, bet sich vor bie- fen runden Spiegel stellte. Der Rand des Spiegels war massives Silber, drei Finger breit nüd oben auf
dem Spiegel war in getriebener Silberarbeit das Flam- menspiel einer Bombenbrandröhre vorzüglich nachgeahmt. Trat man ein, so glaubte man eine tausendpfündige Bombe zu sehen, welche im Begriff war,, zu explodiren.
Der Spiegel war ebenso wohl die Erfindung, als das Eigenthnm von Abu Massr Ad'ir, dem langen TschetschenzewSöhne in schimmernder Rüstung, welcher den Zweifel aussprach: ob Kaiser auch mit Jlia Kaiser sei?
Der Vater dieses Gardeoffiziers war durch eine russische Bombe getödtet, als sein Sohn gefangen wurde. Nikolaus I. war bewundernd vor diesen fatalen Spiegel getreten und „Czernsasch", die schwarze Klinge, wie Abu Massr Adir bei seinen Kameraden hieß, genoß seit dieser Zeit des Kaisers volle Gnade.
Der andere Offizier war klein und zierlich gewachsen. Seine elastische Taille umschloß ein festgebundener Kashemirshawl, der ein faltenreiches gelbseidenes Unter-gewand mit sehr engen Aermeln festhielt. Ueber diesem Leibrocke trug der Offizier eine Art von Burnus von dunkelblauer Farbe, mit weiten, ausgeschlitzten Acr- melu, die mit gelber Seide gefüttert waren. Silbernblinkende Kettenpanzer deckten die schöngeformten Schenkel und Füße. Die Pistole im Gürtel blinkte wie der Säbel von Edelsteinen, i
Dieser saunt t 9jährige Officier war der Fürst von Gnriel, ein Mingrelier, welcher. K’ab-Charaj oder kurz Kabcharaj hieß, der letzte Erbe seines Stamnres, der sich einst der großen Katharina unterwarf und — ein erklärter Liebling des Kaisers.
Der Sohn der „Adighe", des edelsten Stammes der Völker, die wir unter dem Namen der Tscherkessen und als eine Art von gemeinsamem Ganzen denken und dieser Mingrelier waren Zimmerkameraden.
Dies hinderte jedoch nicht, daß der reiche miugreli- sche Fürst in der sechsten Perspektive ein „montirtes" Haus besaß, dafetn dr keine Stift hatte, in der Caserne den Soldaten auch außer den Dienststunden zu machen. Innerhalb derselben hätte ihn nicht der Reichthum des verewigten Großmoguls, des letzten, der diesen Namen verdiente, des Auveng-Zayb nur eine Minute Müssig- gang verschaffen gekonnt.
Die Gäste von den Garde-Kürassieren und Drago-