Nr. 38. Hersfeld, den 15. Mai. 1861*
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G a m i o p.
Nove lle von Adolph Görling.
Win Cre-itbrics.
Vor den Schoppen und Läden auf dem innern Kai von Wassilis Ostrom in Petersburg ließen die Kaufleute ihre Tauben steigen. Es war einer der ersten, aber dafür um so schöneren Frühlingstage. Die Sonne blitzte hoch über dem strahlenden, gleich einer Flam- mengarbe erscheinenden ungeheuren Thurmpfeil der Admiralität und ließ die Sterne auf den Kuppeln der Kirchen gleich blendenden Meteoren erscheinen. Die herrliche Newa, der blaueste Strom der Erde, hauste mit Pfeilesgeschwindigkeit dem Meere zu; sie war so blitzend unb, klar, als habe sie sich nach der Zerstörung ihrer Eisfesseln als Siegerin schmücken wollen. Ihr breiter Spiegel wimmelte von Fahrzeugen, vom stolzen Dreimaster an bis zu der elementaren Flöße des Anwohners des Ladoga. Die kaiserlichen Yachten schössen hinabwärts nach Peterhof; die Schiffe salutirten und eben eilte tauchend d« schöne Bogatyr mit ganzer Kraft seiner Maschine den Strom, heran, um am Dampfschiff- landnngsplatze seine erste Fahrt in diesem Jahre zu beschließen. Hunderte von rasteten und unrasirten Män- nern, von schönen, geputzten Damen und den Weibern aus dem ezornoi narod, dem schwarzen Volke standen aus den Kais von röthlichem, polirtem Granit, oder aus der Schiffbrücke und sahen mit freudigen Gesichtern wie bezaubert auf den Strom, das geliebte „Mütterchen" der Hunderttausende von Petersburgern.
, „ Die Kaufleute jedoch, allenthalben in Gruppen um« persteyend schienen heute dem Strome keine besondere ^ufmerr|amfeit öu schenken, obgleich sie eben am meisten zu schaffen haben, wenn die Seeleute und Schiffer ausgenommen werden.
s~i£^ kräftigen, ernsten Gestalten in ihren langen, bis oben an den Hals hinauf zugeknöpften Tuchröcken, reichen Pelzverbrämung von Bärten auf der
Ä öicren würden, feierten heute ein höchst wichtiges Fest. '
Es war zum ersten Mal in diesem Frühjahr, daß die Lieblingsvögel der. Russen, die Tauben, mit ihren^^ wunderbaren Künsten paratirten. Jeder russische Kaufmann hielt ein Stäbchen in der Hand und die Angew gen Himmel gerichtet, wo die Tauben ihre erstaunlichen Leistungen producirten, je nachdem die Stäbchen von ihren Herren in Bewegung gesetzt wurden. Die fremdländischen auf Wassilij Ostrom wohnenden Kaufleute sahen der seltsamen Belustigung mit den Händen in den Taschen zu ohne sich sonderlich darum zu kümmern.
Zwischen diesen schreienden, pfeifenden, mit der größten Lebhaftigkeit ihren kleinen Voltigeuren oben Signale zuwiukenden^Männern ging ein Mensch, der dies eigenthümliche Spiel mit so sichtbarem Staunen betrachtete, daß man unfehlbar schließen konnte, ersehe dasselbe in seinem Leben zum ersten Mal. Er ließ leb- bafte französische Ausrufe der Bewunderung und des Vergnügens hören, wenn plötzlich ein Taubenpaar von einer Höhe von vielleicht sechshundert Fuß wie eine Bleikugel herabfielen um sich vor den Füßen ihres Herrn wieder zu erheben und augenblicklich den Flug nach oben wieder zu beginnen,
Dies war ein kleiner Mann von etwa sechsunzwan- zig Jahren, mit breiten Schultern, höchst eleganter Taille und einem Fuße, wie ihn nur ein eitler Franzose wünschen kann, was bestimmt nicht wenig sagen will. Er trug alle möglichen Sorten von Bärten auf seinem gel, ben Antlitze und diese beiden Schnurrbärte, das Paar von Backenbärten und der in einsamer Majestät impertinent nach vorn gerichtete Knebelbart, alle waren mit wahrer Kunst gepflegt und dressirt. Völlig unverschämt aber war diese Kunst des Frisirens in dem dichten Lok- kenwalde zur Schau gestellt, der unter dem, beiläufig gesagt, ziemlich abgegriffenen Hutrande dieses Mannes hervorquoll. Joris' goltme Locken waren kaum der Rede werth im Vergleich mit diesem, in tausend Ringeln gebrachte, glänzende Rabengefieder, das mit einer eigenthümlichen Federkraft versehen sein mußte, um durch die eigne Fülle nicht trübselig herabznsiuken.
Ein durchbohrender Blick aus den kleinen, schwarzen Augen paßte sehr wohl zu den elastischen Bewegungen des Fremden, dessen Züge übrigens die unverkennbarste Schlauheit ausdrückten.