Hcrsfeldcr Anzeiger.
NV. 3?» Hersfeld, den 11. Mai. 1861*
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. Ö87).pro Quartal 7| Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aüer Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Khue Gutes, wo fich die Gelegenheit bietet.
Eine Skizze.
(Schluß.)
In einem kleinen Hinterzimmer saß eine sanfte, bleiche, leidende Frau und las einen Brief, den so eben der Postbote gebracht hatte.
Gott sei gedankt! sagte sie am Schluß, ihre sanften braunen Augen gen Himmel richtend, — es sah recht dunkel um mich aus, aber jetzt beginnt es wieder zu tagen.
Ein schneller, leichter Schritt ließ sich auf der Treppe hören, und die Thür des Zimmers wurde hastig aufgerissen. Mit vor Freude strahlendem Gesicht trat der Knabe ein und rief:
Mutter, Mutter, ich bekomme eine Stelle!
Sanft lächelnd streckte ihm die bleiche Frau ihre Hand entgegen, und in demselben Augenblicke stand er an ihrer Leite. ~
Jetzt brauchst Du keine Stelle mehr, sagte sie. Der Onkel Franz, Deines Vaters Bruder, hat uns eineZu- stuchtsstätte in seinem Hause angeboten und will für Dich sorgen.
Der Knabe küßte seine Mutter und gab ihr dann das Schreiben, welches ihm der Kaufmann Waller ein- gehändigt hatte.
Was ist das? fragte die Mutter.
Der Herr, welcher mir eine Stelle versprochen hat, trug mir aus, es Dir zu geben.
Die Mutter öffnete das Papier; es enthielt hundert Mark in Bankscheinen und folgende Worte:
„Gott sandte Ihren Sohn zu einem wahren Freunde. Fassen Sie Muth!"
Wer gab Dir das? fragte die Mutter erstaunt, während die Röthe der Aufregung ihre sonst bleichen Wangen bedeckte.
Ein Herr, den ich nicht kannte. Ich ging in viele Läden, um zu fragen, ob man keinen Laufburschen nöthig habe, und kam endlich in das Haus, wo ich den Herrn traf, der mir diesen Brief gab. Anfangs wies er mich kalt ab, aber als ich gehen wollte, rief er mich zurück,
und fragte nach meinem Namen und meiner Mutter. Ich sagte ihm unseren Namen, und daß der Vater rodt und Du krank seiest. Dann saß er eine ganze Weile still und antwortete nichts, und endlich schrieb er diesen Brief und versprach, mir eine Stelle zu verschaffen. Es war doch ein recht guter Mann, wenn er auch anfangs barsch mit mir sprach.
Hast Du kein Schild am Hause 'gesehen, auf dem sein Name stand?
Ich habe nicht daran gedacht, erwiederte der Knabe; denn ich war so voller Freude, als ich fort ging. Aber ich kann jetzt gleich wieder hingehen und nachsehm.
Laß es nur jetzt sein, versetzte die Mutter. Ich will an den Herrn schreiben, um ihm für seine Güte zu danken, und morgen früh magst Du den Brief hin tragen. Wie froh mich der Gedanke macht, daß wir endlich eine sichere Zuflucht, eine Heimath gefunden haben! Gott ist gütig, mein Sohn, laß uns ihm dankbar sein.
Kurz vor dein Eintreten der Abenddämmerung wurde der Frau Leonhard angezeigt, daß ein Herr sie zu sprechen wünsche.
Geh', Carl und sieh, wer es ist, sagte sie zu ihrem Sohne.
Ach Mutter, rief der Knabe, im nächsten Augenblick zurückkommend, es ist der Herr, der mir den Brief gegeben hat. Er will mit Dir sprechen. Soll ich ihn heraufkommen lassen?
t-i Nachdem sie einen schnellen Blick über das Zimmer geworfen, und einige kleine Aenderungen in ihrem Anzüge vorgenommen hatte, gebot sie ihrem Sohne, den Fremden herauf zu führen.
Ein fester Mannstritt nahte sich der Thür; sie wurde geöffnet, und des Knaben Mutter und sein neuer Freund standen einander gegenüber.
Konrad! lallte die Frau erstaunt.
Schweigend näherte er sich ihr und ergriff ihre Hand..
Sophie, müssen wir so uns Wiedersehen? sagte er dann, wehmüthig in ihre dunkelen, tiefen Augen blik- kend; aber ich glaube, die Vorsehung selbst hat uns jetzt zusammen geführt.
Beid- setzten sich und sprächen lange von vergange-