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Np. 3«. Hersfeld, den 8. Mai. 1861*
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
die erledigte Pfarrei Neutershausen in der Classe Sontra dem Pfarrer Bernhard August Beß zu Obergude zu übertragen.
Bhue Gutes, wo ft$ Hie Gelegenheit bietet.
Eine Skizze.
Der Handelsherr Conrad Waller, einer der bedeutendsten Kaufleute in einer deutschen Hafenstadt, saß in seinem Comptoir und las mit gespannter Aufmerksamkeit die neusten Zeitungen, als sich ein leises Klopfen an der Thür vernehmen ließ, und ein Knabe mit den Worten eintrat:
„Brauchen Sie vielleicht einen Laufburschen?
„Nein," antwortete der Kaufmann, ohne aufzublicken, mit ziemlich rauhem Tone. Allein kaum war der Knabe fort, so schlug ihn das Gewissen, und er sagte zu sich selbst:
„Du hättest dem armen Kinde wenigstens freundlicher antworten können. Das war eine Gelegenheit!"
Das Zeitungsblatt in feiner Hand fallen lassend, blickte er dem Gehenden nach. Der Knabe war noch klein, — kaum zwölf Jahre alt, und ärmlich, aber rein» lich gekleidet. Waller klopfte an das Fenster, und der Knabe sah sich um. Ein Wink des Ersteren rief ihn
„Was sagtest Du vorher?" fragte der Kaufmann.
»^ch fragte, ob Sie vielleicht einen Laufburschen brauchten," wiederholte der Knabe jetzt mit furchtsamerem Tone. - ■
3« Wallers Brust erwachte ein plötzliches Jnte- resse für chn. Er hatte ein hübsches, mädchenhaftes Ge- sicht, dunkelbraune Augen und Haare, und obgleich zart und schwach gebaut, stand er doch fest und mit einer fast männlichen Haltung da, welche verrieth, daß er sich gewisser, tm Leben zu erfüllender Pflichten bereits be«
„Setze Dich, mein Kind," sagte der Kaufmann, der sich einer unwillkührlichen Regung von Achtung vor seinem kleinen Gäste nicht enthalten konnte.
Der Knabe folgte der Weisung, während seine großen, leuchtenden Augen auf dem Gesichte des Mannes ruhten.
„Wie alt bist Du?" fragte Waller.
„In wenigen Wochen zwölf Jahre," lautete die Antwort.
„Du solltest noch die Schule besuchen."
„Ich muß meiner Mutter Beistand leisten."
„Ist deine Mutter sehr arm?"
*3a — sehr arm^und auch krank," erwiederte der Knabe mit zitternder. Stimme, während Thränen in seinen sanften Augen schimmerten.
Sinnend betrachtete Waller das Kind. Seine Gedanken schweiften zurück in die Vergangenheit; ihm war es, als hätte er den Blick dieser schönen Augen schon vor Jahren gesehen, und eine Minute lang vergaß er die Gegenwart ganz.
Mit noch freundlicherem Tone als bisher sagte er endlich:
„Ich selbst brauche zwar keinen Laufburschen, aber ich könnte vielleicht ein gutes Wort sprechen, was dir nützlich sein würde. Ich habe das Vertrauen, daß Du brav und fleißig sein wirst! aber Du bist nicht stark."
„O ja, ich bin stark!" entgegnete der Knabe, sich muthig aufrichtend.
Mit steigendem Interesse blickte ihn der Kaufmann an.
„Wie heißt Du?" fragte er darauf.
„Carl Leonhard," war die Antwort.
Eine plötzliche Bewegung durchfuhr die Züge des Kaufmanns, und er wandte das Gesicht ab, um das Kind nicht den veränderten Ausdruck desselben sehen zu lassen. Lange Zeit saß er still und schweigend, so daß der Knabe sich zu wundern begann.
„Lebt Dein Vater noch?" fragte Waller endlich mit noch abgewandtem Gesicht und unsicherer Stimme.
„Nein; er starb vor vier Jahren."
„Wo?"
„In Amerika."
„Wann kamst Du mit Deiner Mutter hierher?"
„Vor zwei Jabren."
„Seid Ihr seitdem immer hier gewesen?"