Hersfcl-cr Anzeiger.
Np. 3L. Hersfeld, den 4. Mai. 1861*
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preiß -d«AMen bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr. bei den Postaustalten kommt der übliH^^Mstau^ schlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wie derholungen mit 6 Heller berechnet. * -
Bm Gerichtssaale.
Auf die Anklagebank in Berlin wird ein kleiner ältlicher Mann in schwarzem Fracke geführt, der eine mit Militärlitzen besetzte Mütze in der Hand hält, die darauf schließen läßt, daß er früher dem Kriegerstande angehörte. So ist es auch in der That. Der Mann ist ein alter Invalide, der früher als Kanonier gedient hat und in Folge einer beim Abfeuern eines Geschützes erlittenen Beschädigung dienstunfähig geworden ist.
Präs. Wie heißen Sie?
Angekl. Jbold, auch Rübsamen.
Präs. Was sind Sie?
Angekl. Sonst Schuhmacher, jetzt Invalide — monatlich einen Thaler Pension — zum Verhungern ist es genug — es ist ein schönes Geld.
Präs.^ Hören Sie die AnklageI
Der Staatsanwalt verliest dieselbe. Es ergibt sich daraus folgender Thatbestand. Jbold petitiouirte wiederholt um eine Civil-Versorgung. Nachdem er immer ablehnend beschiedeu worden, reichte er am 30. September eine Jmmediat-Beschwerde an den Regenten ein, in welcher er namentlich über einen ablehnenden Bescheids des Handelsministers klagte, von welchem ihm die Stelle eines Portiers beim Gewerbe-Institut verweigert sein sollte.
In dieser Jmmediat-Beschwerde behauptet Jbold nun unter Anderem, daß er durch den Handels-Mini- ster „mit Gewalt ruinirt" worden sei. Diese Behauptung ist als eine Beleidigung des Ministers in Beziehung auf seinen Beruf unter Anklage gestellt worden, nachdem auf Antrag desselben der Regent durch Cabi- uets Ordre vom 10. October die gerichtliche Verfolgung des ^bold wegen unehrerbietiger Schreibweise in der fraglichen Beschwerde befohlen hat.
Der Präsident verlas die letztere. Sie war in sehr excentrischem Tone gehalten. Es hieß darin z. Beisp.: „Mangel an Brod gebiert Verzweiflung, und einem verzweifelten ist Alles egal. Mir bleibt nur noch zweierlei, Spree oder Pistol, meinetwegen sogar das Zuchthaus, da werde ich es immer noch besser haben als jetzt, denn da gibt es wenigstens Brod rc."
Präs. Haben Sie diese Eingabe verfaßt und ab- gesandt?
Angekl. (sehr laut schreiend) Ja, das habe ich!
Präs. Sie sollen dadurch den Minister beleidigt haben.
Angekl. Ich kenne keinen Minister. Ich habe dein Könige gedient. Die Minister können meinetwegen verdonnern und verwetterni
Präs. Seien Sie nicht so leidenschaftlich und hüten Sw sich, neue Beleidigungen auszusprechen.
Angekl. Mir ist Alles egal. Warum bekommt man kein Brod, wenn man sich ehrlich ernähren und es verdienen will? Was ist das für eine Sache von einem Minister? Erst verspricht er mir die Stelle als Portier im Gewerbehause und dann gibt er mir sie nicht.
Präs. Die Stelle ist Ihnen nicht versprochen worden. Der Minister hat Ihnen mitgetheilt, daß er Ihr Gesuch an den Director des Gewerbe-Instituts, Geh. Rath Nottebohm, zum Bescheid abgegeben habe.
Angekl. Das ist es eben, deshalb müssen wir, die wir uns haben die Knochen zerschießen lassen, hungern, weil die alten Geheim Räthe--
Präs. Seien Sie ruhig . . .
Angekl. Ich verlange vom Handelsminister 600 Thlr. Entschädigung, weil ich die Stelle nicht bekommen habe. Ins Leihhaus haben Sie mich schicken wollen — aber da danke ich — Motten mag ich nicht klopfen, da bin ich zu alt dazu.
Der Staatsanwalt beantragte wegen der incrimi- nirten Beleidigung des Ministers drei Monate Gefängniß gegen Jbold.
Präs. Haben Sie nun noch etwas zu Ihrer Vertheidigung auszusühren?
Angekl. Der Herr Staats-Anwalt hat ja recht schön gesprochen — sehr schön gesprochen, das muß man ihm lassen. — Also drei Monate. Ich habe schon genug an den sieben Monaten Hunger Cur, die ich durchgemacht habe. (Sich zum Staatsanwalt wendend.) Herr Staatsanwalt! (brüllend) ich möchte Sie am Liebsten Morgen vor ein Geschütz hinstellen und Sie in tausend Millionen---
Präs, (einfallend) Jbold! Lassen Sie sich doch