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Nr. 3^ Hersfeld, den w. April. 1861*

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben Lei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7z Sgr. bei den Postanstalten kommt der .übliche Postauf. schlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wie­derholungen mit 6 Heller berechnet.

Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:

den Crimiualgerichts-Secretar CarlEmilHeller in Rotenburg zum Untergerichtsanwalt bei den Ju-. stizämteru Bergen, Bockenheim, Nauheim und Win­decken mit dem Wohnsitz in Bergen zu bestellen, den zu der erledigten stelle des Obervogtes der Landesuniverfität gewählten Universitätsvogt Hein­rich Mathäus zu Singlis zu bestätigen.

Die Schwestern.

(Fortsetzung.)

Palin mangelte es keineswegs an humanen Em« Pfändungen; er war sogar, wenn es die Umstände erheisch­ten, eines gewissen Edelmuths, sogar der Uneigennützig- keit fähig. Aber von seinen Millionär-Ideen hätte thu keine Macht der Welt abgebracht. Er vergötterte den Reichthum; er hatte die höchste Meinung von den Leu­ten, welche Geld besaßen, und die möglich geringste von Denjenigen, denen dieser moderne Götze fehlte.

Wer aber Mißgeschick im Geschäft gehabt hatte, stand aus der tiefsten Stufe von Palins Stiftung.

Seht mich anl pflegte er zu sagen. Mir schlägt nichts fehl; meinem Vater schlug nichts fehl und noch weniger meinem Großvater, obgleich dieser nur mit ei­nem Pfund zehn Schilling fein Geschäft begann. Wer sein Geschäft ruinirt, verdient, daß er selbst ruinirt werde.

Unglücklich genug war das Geschäft des Vaters jenes jungen Buchhalters fehlgeschlagen und zwar so sehr, daß der Unglückliche aus Gram starb und seine Familie im Elende zurückließ. Obgleich Mr. Palin den jungen Mann auf seinem Comptoir angestellt hatte, so konnte derselbe doch sich der Gunst des Chefs nicht rühmen. Er war und blieb eine Art von Paria.

Martha indeß hatte sehr bald das Geheimniß der Schwester durchschaut und ging sofort mit gewohnter Entschiedenheit zu Werke. Sie sagte Dorinda, daß das bisherige Verhältniß zu dem Buchhalter Charles Lejeune,

als zu sehr gefährlich, schleunigst endigen müsse. Es sei nicht daran zu denken, daß der Vater seine Einwil- ligung zu einer Heirath gebe man müsse Mr. Palin daher mit einem fait accompli entgegentreten. Sei die Trauung erfolgt, so werde sich der Vater, bei seiner Liebe für Dorinda, bald in das Unvermeidliche fügen.

Dorinda fiel ihrer Schwester um den Hals. Die Liebenden hatten vor dem Gewaltmittel, welches Martha aurieth, gezittert. Sicher gemacht durch ihre Verbün­dete aber säumten sie nicht, sich in einer kleinen, wenig bekannten Kirche zu Dalston heimlich trauen zu lassen.

Martha war zwar, gegen ihr Versprechen, bei der Trauung nicht gegenwärtig, erklärte aber schriftlich, daß sie Alles thun werde, um zwischen Mr. Palin und den Neuvermälten eine friedliche Vermittelung zu Stande zu bringen. Lejeune war vorerst mit seiner jungen Frau nach Frankreich gegangen, nachdem die Letztere einen Brief voll heißer Zärtlichkeit geschrieben hatte. Diesen Brief gab Martha jedoch nicht ab, sondern schrieb selbst, mit geschickter Nachahmung von Dorindas Schriftzügen kurz Folgendes:

Liebster Vater! Da ich Deine Vorurtheile kenne, welche mir den liebsten Wunsch meines Lebens verwei­gert haben wurden, so habe ich nur meinem eigenen Kopfe gefolgt, indeß ich mich mit Charles Lejeune ver- mälte. Ich hoffe, Dein erster Aerger wird sich bei un­serer Zurückkunft schon gelegt haben. Ist die Hochzeits­reise vorüber, sollst Du alles Nähere erfahren. Es wäre mir angenehm, wenn Du mir unter meiner neuen AdresseMrs. Lejeuue" nach Boulogne eine ausreichende Summe Geld poste restante seuden wolltest. Wie immer Deine zärtliche Tochter Dorinda.

Dieser Brief wirkte auf den alten Palin wie schar­fes Gift. Er war total niedergeschmettert. Er hatte nicht allein seine Lieblingstochter eingebüßt, sondern mußte die Ueberzeugung- gewinnen, daß er die Liebe Dorindas nie besessen habe. Dennoch konnte er sich nicht entschließen, sein Kind zu verstoßen. Er gab Martha eine ziemlich bedeutende Summe und trug ihr auf, Do­rinda zu schreiben, daß er durch ihren Brief an den Rand des Grabes gebracht worden sei.

Martha aber schrieb, während sie das Geld für sich behielt: An Frau Lejeune. Boulogne p» r. Mr. Palin