Hcrssel-cr Anzeiger.
Mp. sr. Hersfeld, den 6. April. WM.
Der »Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Ouartal 7| Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst habe!.' allergnädigst geruhet:
den Major Franke von der Stelle eines Platz- majors von Fulda zu entbinden und zum Etappen- commaudanten zu Hersfeld zu ernennen,
den Oberstabs-und Regiments-Arzt Schmidt vom 1. (Leib.) Husaren-Regiment zum 1. Infanterie-Regiment (Kurfürst) zu versetzen,
zu See ondlie uten ants zu ernennen die Portepee Fähnriche :
von Humb ert vom 3. Jnsanterie-Regimert in demselben,
von Uslar-Gleichen vom Leibgarde-Regiment im 2. Infanterie-Regiment,
Lambert vom 2. Infanterie-Regiment in demselben,
von Trümbach vom 1. Infanterie - Regiment (Kurfürst) in demselben.
Die Schwestern.
Dem „Jllustrirten Familien-Journale" mitgetheilt von Adolph Görling.
Ich erzähle hier einen der seltsamsten Fälle, welche mir während meiner langen Praxis als Rechtsanwalt vorgekommen sind. Es war stets mit der Empfindung des Staunens, daß ich an die folgende Geschichte gedachte; denn sie zeigt, daß — wenn auch alle Beweise eines begangenen Verbrechens fehlen — in dem Verbrecher selbst die dämonische Macht schlummert, durch welche seine Thaten offenbar werden müssen. Hier hilft nicht die eisernste Entschlossenheit; hier nützt kein Widerstand, weder des unbesiegbarsten Willens, noch der feigsten Furcht vor der Faust des Henkers — die That fängt an zu reden und der Verbrecher selbst ist das willenlose Werkzeug höherer, räthselhaster Mächte um sein eigenes Verderben zu bewirken. Doch greifen wir mit unserm Urtheil der Geschichte nicht vor.
Es ist nothwendig, über die Verhältnisse kurzen
Aufschluß zu geben, welche für das in Frage stehende Verbrechen von Wichtigkeit sind.
In einem der ältesten Häuser von Eastcheap in London wohnte ein gewisser Mr. Palin, ein steinreicher alter Mann, — einer jener Handelsfürsten, auf welche die City vor längeren Jahren noch stolzer war als heute denn früher galt die Firma eines Millionärs für ewig während man heute weiß, daß zehn Millionen ihren Besitzer keinen Augenblick vor dem Schicksale schützen können, zu falliren.
Mr. Palin würde sein altes Haus, mit dem kunstreich durch Holzschnitzereien verzierten Eingänge, mit der für Frachtgeschirr eingerichteten Durchfahrt, mit dem weiten öden Binnenhofe, den alten Galerien zur Seite desselben und dem verfallenen Hintergebäude — einer alten Brauerei — um keinen Preis umgebaut oder verlassen haben. Er war noch Einer von der alten Welt, welcher überzeugt war, daß der Herr da zu Hause sein müsse, wo sich das Geschäft befinde, daß ein Kaufmann in die allernächste Nähe seiner Waarenballen gehöre und daß es ein Zeichen tiefen moralischen Verfalls sei, wenn die Geschäftsinhaber es übers Herz bringen konnten, ihre Läden in der City nach der Geschäftszeit zu schließen, um in einem Cabriolet sich nach ihren meilenweit entfernten Familienwohnungen zu verfügen. Palin besaß keinen Landsitz, keine Villa, kein Haus in der Vorstadt, von Blumenbeeten umgeben. Sein Haus in Eastchap genügte ihm vollkommen. Hier hatten sein Großvater und sein Vater gearbeitet, gegessen, getrunken und geschlafen, und von dieser Regel eine Ausnahme zu machen, würde ihr Nachfolger für ein wahres Verbrechen gehalten haben.
Die Familie Palins bestand nur aus ihm selbst und seinen beiden Töchtern. Die ältere, Martha, war bereits gegen dreißig Jahre alt, als ich durch meinen Beruf mit der Familie zusammengeführt wurde. Dorinda, die jüngere Tochter, zählte damals dreiundzwanzig Jahre.
Die Schwestern hatten verschiedene Mütter gehabt. Beide Gattinnen des Mr. Palin schlummerten aber schon seit langen Jahren auf einem der alten Kirchhöfe den City.
Es war eine große Verschiedenheit zwischen den beiden Schwestern. Martha war eine schlanke, hochge-