HersfelSer Anzeiger.
Rp> so* Hersfeld, den 2. Februar. 1861«
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7^ Sgr. bei den Posianstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
dem Zimmermeister Jakob Heise zu Caffel das Prädicat „Hof-Zimmermeister" zu ertheilen.
Der Schatten als Zeuge.
Aus dem illustrirten Familien-Journal.
(Schluß.)
Der Staatsanwalt trat auf und resumirte die Thatsachen. Er brächte für die Unterredung der Schwestern vor dem Morde das Zeugniß der Wirthin, welche in eitlem anstoßenden Zimmer beschäftigt gewesen war — Anna hatte nachweislich den Gedanken gehegt, daß sie selbst statt des Kleinen zu dem Genusse der Erbschaft des Sir Ralph Heritage gelangen könne... Dann folgte die Erwähnung des fatalen Messers... Der Staatsanwalt rief Gott an, die Wahrheit an den Tag zu brin- gen, daß keinem Unschuldigen ein Leid geschehe.
Die Verhöre der Zeugen begannen, und ich nahm den Wirth, die Wirthin in Kreuzverhör. Der Zeuge Brown ward aufgerufen. Er fehlte wie vorauszusehen war.
Die Reihe war an mich gekommen. Ich stand auf und wandte mich an Rachael.
— Sie wurden in Liverpool, im Gasthause bestohlen?
— Ja, Sir. Der Toilettekasten meiner armen Schwester Anna ließ sich bei unserer Abreise von Liverpool nicht auffinden.
, — Und in diesem Kasten befand sich das Meffer mit dem Griff vvn Gold und Perlmutter, mit welchem Ernst Adolph Seaton erstochen wurde?
— Ja, ich selbst habe das Meffer, mit welchem... Sie rang einen Augenblick mit sich selbst. Ich selbst Packte dies Messer ein, Sir. —
~ Meldeten Sie den Diebstahl, meine Dame?
— Nur dem Wirthe — wir hatten solche Eile, nach Heritage Hall zu kommen.
— Sie haben keinen Verdacht auf eine bestimmte Person wegen dieses DiebstahlS ...
— Wie sollte ich! Aber dennoch ist Anna unschuldig ...
— Bitte, Madame, wollen Sie jetzt von dem Schatten erzählen? Ganz genau, sage ich! Und beschreiben Sie die Physiognomie, welche sich an der Wand abbildete nist möglichster Treue ...
Es war inzwischen — mit sieben Uhr Abends — dunkel im Saale geworden. Der Andrang der Zuhörer war nach dem Schlüsse der Geschäfte nur noch gestiegen. Die Constables empfingen den Befehl, einen Theil des Publicums zu entfernen. Ein gewaltiges Gedränge entstand. Es kam unter den ZuschanetrzMr-. Thätlichkeiten. Ich mußte das Kreuzverhör uns RfiMeL Seaton abbrechen. '
— Mein Herr, Sie sind arretirt; sagte ^n.'-CoM stable. /
— Den Teufel arretiren Sie, aber nicht n^. Ich dränge nicht, sondern werde gedrängt, sdgaist-^ge-^' schlagen! rief eine Stimme sehr laut.
— Das ist Mr. Brown! schrie die Wirthin der »Weizenfeime". Ich kenne ihn an der Stimme.
— Halten Sie den. Mann fest! rief ich, indeß mein Herz mit Heftigkeit pochte. Er ist als Zeuge vorgeladen. Fcstgehalten!
Einige Diener brachten einen Mann auf die Zeugenbank.
— Was soll dies heißen? fragte er barsch. Was wollen Sie von mir?
— Sie sind unser ßZeuge! rief der Staatsan- walt.
— Ich bezweifle das; ich kann unmöglich etwa- bezeugen, wovon ich nichts weiß.
— Licht l rief der Präsident und sofort schoß eine Gasflamme auf.
Ein gellender Schrei ertönte! Ein Schrei deS Entsetzens — dann wildes Gelächter und hervorgestoßene Worte des Dankes an Gott — es war Rachasl. Sie hatte sich erhoben und hielt die Arme ausgestreckt.
— Dort, Herr Richter! Und Sie Alle, die hier sind! Dort, sehen Sie? O, Gott ist barmherzig und gerecht! Das ist der Himmel selbst, welcher spricht l Dort an der Wand ist der mir nur zu wohl bekannte Schatten — der Schatten des Mörders meines Kindes.