Nr. D.
Hersfeld, den 26. Januar.
1861.
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Der; Schatten als Zeuge.
Aus dem illustrirten Famillen-Journal.
Ein junges Mädchen, fast noch ein Kind — denn sie war erst fünfzehn Jahre alt — sollte vor das Geschworenengericht gebracht werden wegen . . . Mordes 1
Ich war zu ihrer Vertheidigung berufen.
Ich hatte meine Laufbahn als Rechtsanwalt kaum erst begonnen. Dies war der erste wichtige Fall in meiner Praxis; der erste, welcher mich auf den Platz eines Defensors vor den Assisen führte. Ich war noch nicht durch die Gewohnheit für das Mitleiven mit den schrecklichen Schicksalen meiner Clientin unzugänglich geworden. Jene eisige Kaltblütigkeit, mit welcher der Rechtsgelehrte einen haarsträubenden Fall vom Stand - Puncte eines künstlerischen Kritikers betrachtet, lag für mich noch unabsehbar fern. Ich war durch das Schicksal meiner Clientin nicht allein in Mitleidenschaft gezogen, sondern litt, wie mir später erst vollkommen klar wurde, vielleicht mehr als sie, über deren Haupte das Todesurtheil schwebte. Ein entsetzliches Gefühl, von erdrückender Verantwortlichkeit ließ mich weder Tag noch Nacht zur Ruhe komme-?. Der Proceß meiner unglücklichen Clientin stand jede Minute vor meinem geistigen Auge. 'Immer von Neuem sah ich die geheimnißvolle That vollziehen, durch alle Phasen bis zu ihrem blutigen Ende verlaufen.
Die Steten dieses Processes besaßen eine wahrhaft dämonische Gewalt über mich. Ich hatte mich fast taub und blind gelesen. Ich fühlte die Nothwendigkeit mich dem Labyrinth zu entreißen, in welchem ich mich rathlos verloren hatte — um nicht völlig meine Urtheilskraft einzubüßen. Ich machte weite Spaziergänge durch Wald und Feld; aber ich wägte es nicht, aus Furcht mich an dem Tode meiner Clientin zu betheili- gen, aus meiner Rocktasche die Acten zu entfernen, auf welche der Staatsanwalt hauptsächlich feine Anklage stützen mußte.
Konnte das unglückliche Kind schuldig sein? War sie eine blutbefleckte Verbrecher»? ? Eine Mörderin? Ich hatte sie öfter gesehen und gesprochen — ein sanftes,
schüchternes, liebreizendes Mädchen, welche nicht im Stande war, nur einem Canarienvogel, oder einer Taube den Kopf abzureißen.
Aber ihr Verbrechen war bis zur Evidenz erwiese^
Sie hieß Anna Donner Heritage und war den Northampton Assisen überwiesen wegen der Ermordung von Ernst Adolph. Seaton, eines Kindes, und Sohnes ihrer leiblichen Schwester.
Die Geschichte der armen Anna und der ihr aufge- bürdeten .Blutthat war in kurzen Zügen folgende.
Alls seinem schönen Landgute in der Grafschaft Northamptonshire lebte ein Baromet, Sir Ralph Heritage. Dieser Edelmann besaß einen einzigen Sohn, welcher durch seinen zuerst bloß leichtsinnigen und ausschweifenden Lebenswandel, dann aber bur$ wirkliche Verbrechen, alle Bande zerrissen hatte, welche ihn an seine Freunde und Verwandten, ja sogar an seinen trauernden verzweifelnden Vater knüpften.
Sir Ralph Heritage hatte geopfert, was er vermochte, hatte »übermüdet gestrebt, den verlorenen Sohn wieder auf ben Weg eines redlichen Mannes zu bringen — vergebens. Es käme?? Fälschungsgeschichten, ja Stra- ßenräubereien zur öffentlichen Kenntniß, bei denen der Name von Richard Heritage eine Rolle spielte. Seit jene V rbrechen ausgeübt wurden, war der Ungeratene, Richard Heritage, verschwunden und verschollen. Seine früheren Bekannten glaubten, daß Richard nach Südamerika geflohen sei, wenn er sich doch nicht in irgend einem Winkel von London erhängt habe.
Sir Ralph blieb lange Jahre ohne die geringste Kunde von seinem Sohne. Der Gutsbesitzer, welcher längst Wittwer war, nmrbe allgemach zum Greise und sehnte sich immer heftiger nach einem liebender? ^er^en, nach pflegenden Händen, welche ihm dereinst die Augen zudrücken sollten. Außer seinem Sohne besaß Sir Ralph jedoch nur noch einem nahen Verwandten, seinen Bruder Alfred, welcher schon in-jungen Jahren mit feiner Frau und zwei kleinen Kindern nach Ceylon ausgewandert war.
Eben zu der Zeit, als Sir Ralph feine seine Ver° lassenheit unerträglich zu finden begann, empfing er von Ceylon einen Brief. Die Frau seines Bruders war gestorben und dieser selbst war ihr in kurzer Frist gefolgt. Alfred Heritages Kinder waren Waisen. Es waren