Einzelbild herunterladen
 

Ms. WO, Hersfeld, den 15. December. 1860*

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends.- Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7^ Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. Anzeigen äller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederho­lungen mit 6 Heller berechnet.

jgaE?F"ffi'fta"'rifflW^^reKrM^magwaw^resrewE^aattWflmiriaSgSiMMggatraMttwagg^

Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:

den bisher mit der Stelle eines Hoftheater-Arz­tes beauftragten praktischen Arzt Dr. Emil Win­dem u th nunmehr zum Hoftheater.Arzt zu ernerne».

Die Bibel.

Erzählung von C. A. Borowsky.

Seit der Reformation ist Luther's Bibel ein allge­meines Familienbuch geworden, das allenthalben durch die Erfindung Guttenberg's Eingang fand. Der ehr­bare Bürger fügte zu den Büchern der Chroniken noch eine andere Mronik, die ihm fast so heilig war, wie dieses Buch selbst. Es war ein chronologisches Ver- zeichniß der Familienglieder der Geburt nach, welches sich innerhalb des Deckels auf dem ersten Blatte der Bibel befand. Wenn es dann Gott gefiel, einen dieser Lieben abzurufen, bemerkte er seitwärts das Jahr, den Tag und die Stunde des Todes . . . eine Thräne ver­wischte nicht selten diese Grabschrift in dem heiligsten der Bücher. Auch wenn der Knabe oder das Mädchen dem Vater mit zitternder Hand den ersten Neujahrs - oder Geburtstagwunsch geschrieben, faltete man diesen in die Blätter der Bibel, wie jedes andere wichtige _ Papier. Die neuere Zeit mit seinen Bequemlichkeiten erfand dafür andere Archive; aber immer noch erfüllt die Erinnerung an diesen Zweck den Enkel mit Ehr­furcht.

jener Zeit also, wo dies gebräuchlich war Sp lint Sag thun ja nichts zur Sache lebte in oer kleinen Stadt Nauen, unweit Berlin, der ehrbare r2chmiedew.e1ster Ehrlich mit seiner Tochter Brigitte und feinem Schwiegersöhne Lebrechtzufrieden undglück- lrcy. Die kleine Schmfede gewährte der Familie nur gerade das tägliche Brod, uud so war es denn gekom­men, daß Meister Ehrlich genöthigt war, den Nachbar .qartiuann um eiu Darlehn von hundert Thalern anzu- fprechen, die ihm dieser auch gegen einen Schuldschein und einige mehr als übliche Zinsen lieh.

Bereits seit acht Wochen lag nun schon Meister Ehrlich krank darnieder, und es schien, als ob er ster- ben sollte. Meister Ehrlich fühlte das, und bereitete sich zu der himmlischen Reise vor.

Diese kleine Familie besaß gleichfalls, eine jener alten Bibeln, wie wir deren vorher erwähnten, die bei ihnen im großem Ansehen stand. Schon seit mehreren Tagen hatte Meister Ehrlich dieselbe nur wenig aus den zitternden Händen gelassen, sich an ihren goldenen Kern- und Trostsprüchen erquickend. Nachdem er heute gelesen hatte, legte er sie sorgfältig unter das Kopf­kissen, wie wenn dieser Schatz, außer dem göttlichen, auch noch einen weltlichen berge. Dann wandte er plötzlich seinen schon verklärten Blick aus seine beiden Kinder, die mit thränenden Augen an feinern Lager standen.

MMsWi Kinder" Leganurr . mit. schwacher Stimme, ihnen die abgezehrten Daterarme entgegen streckend,ich fühle, mein letztes Stündlein ist gefom- men: ich bin bereit, meiner seligen Frau in die Ewig­keit zu folgen. Beruhigt scheide ich aus dieser Welt, da ich Dich, meine gute Tochter, versorgt weiß. Leb­recht ist dir immer ein treuer Gemahl, mir ein guter Sohn gewesen, und ich weiß, er ist auch mit Dir, meine Tochter, zufrieden. Versprecht mir also in meiner letz- - ten Stunde, daß Ihr Euch nie verlassen, daß Ihr Freud' nnd Leid mit einander tragen wollet.

Ja, das werden wir gewiß, guter Vater!" schluchz, ten Brigitte und Lebrecht, indem sie am Sterbebette auf die Kniee sanken.

Weint nicht, meine Kinder," ermuthigte der Greis indem er die zitternden Hände segnend auf sie legte. Mein Segen bleibt Euch ja zurück, wenn Ihr fromm und gut bleibt. Behaltet allezeit Gott und sein Wort im Herzen, so wird es Euch gewiß wohlergehen. "

Der Greis sank kraftlos zurück; Brigitte und Lcb- recht schrien hell auf. Sei es nun, daß der Greis noch etwas auf dem Herzen hatte, sei es, daß der Angstschrei seiner Kinder ihn wieder aufschreckte: der Greis ' that noch einmal die Augen weit auf und lispelte nur das eine WortBibel" dann athmete er noch einmal schwer auf, und seine Augen schlössen sich für immer.

Vater Ehrlich ruhte nun bereits seit einem Monat