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Hcrsscsder ANzelger.

Mr. SS. Hersfeld, den I. December. L8S«.

"' DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7^ Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postausschlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederho lungen mit 6 Heller berechnet.

Ein treues WeiS,

oder:

Liebe ist Glück.

Armes Weib!" murmelte in der Frühe eines hellen Sommermorgens der Fischer Gotthardt, indem er, Netz und Ruder auf den Schultern, an das offene Fen­ster seiner Hütte trat und mit zärtlichem Blick seine junge Frau betrachtete, die in der kleinen Stube emsig mit dem Stricken eines großen Netzes beschäftigt war. Armes Weib!"

Er hatte sehr leise gesprochen, aber dem scharfen Ohr Else's waren die Worte doch nicht entgangen. Mit hellem Blick und lächelndem Munde schaute sie auf, nud ihr freundliches Kopfnicken grüßte den hüb« scheu, kräftigen Fischer.Warum kenn arm ?" fragte sie.

Elfe, wie Du sprichst!» erwiederte Gotthardt. Meinst Du, ich hätt' es nicht gehört, wie Du bis Mitternacht unsern kleinen Werner auf dem Arm ge­tragen und in Schlaf gewiegt hast, und jetzt kaum ist die Sonne herauf bist Du schon wieder in voller Geschäftigkeit! Elfe, in der Seele jammert es mich, daß Du so mühselig und traurig Deine Tage ver­bringen mußt. Wenn das Dein Vater sähe, der reiche Schiffsbaumeister großer Gott, es müßte sein har­tes Herz rühren. Aber er sieht es nicht, will es nicht sehen, und ich ach Elfe, wär' ich nimmer in Dein Haus gekommen I Du wärst wenigstens nicht elend geworden!

Das junge, schöne Weib denn jung und schön war sie, eine seltsame Wunderblume inmitten der arm­seligen Umgebung stand rasch auf, legte beide Hände ""l die Schultern ihres Mannes und blickte ihm tief und zärtlich in die Augen. Die schlanke Frau, der kräftige Fischer mit dem gebräunten Gesicht, man

lange suchen, bis man ein schöneres Paar fand, dwies,Ich bin nicht elend, Gotthardt, bin es nicht," sagte Elfe. .

Aber unglücklich bist Du!" entgegnete ihr Mann.

Unglücklich? Du träumst, lieber, lieber Gott­hardt . erwiederte Esse innig unb lächelte. Unglück­

lich? weil wir arm sind? Pah, Du weißt nicht, was Glück ist! Weißt es nicht, Gotthardt."

Ich weiß, daß Deine zarte, weiße'Hand rauh und braun geworben ist von schwerer Arbeit," sprach Gott­hardt düster.Ich weiß, daß Deine Kost ärmlich. Dein Lager hart, Dein Lechlaf ohne Ruhe, Dein Wachen voll Mühe ist! Was brauch ich mehr zu wissen? Leid' ich denn nicht mit Dir?

Aber weißt Du denn nicht, daß ich Dich liebe?" fragte Elfe rasch und dringend.

Ach, wohl, wohl weiß ich es! Du wärest ja-sonst nicht bier!" ' .

Nun, und wie kannst Du denn so sprechm?" lä­chelte Esse zuversichtlich.Liebe ist Glück, Gotthardt!

. Ja Liebe ohne Sorge! erwiederte der Mann mit leisem,Kopsschükteln.Aber so?"

Ein schalkhafter Strahl blitzte aus Else's klarem Auge.Du meinst also, ich wäre glücklich, wenn ich in meines Vaters Hause wohnte?" fragte sie.

Ja, das glaube ich," sagte er fest.

Und Du willst mein Glück? fragte sie weiter.

Ei» Blick tiefer und inniger Zärtlichkeit war die Antwort.

Wohl denn, Gotthardt fuhr Elfe fort so will ich gehen und dich verlassen, und meine Lisbeth und meinen Werner, und will heimkehren in meines Vaters Haus.

Sie hatte so ernsthaft gesprochen, daß Gotthardt betroffen aufschaute und eine leichte Blässe seine brau­nen Wangen überflog. Das kannst Du nicht thun, das wirst Du nicht thun, stieß er Plötzlich nach einem Momente athemlosem Schweigens hervor.

Unb warum nicht? Du mußt es ja selbst wün­schen! Du willst doch mein Glück?" erwiederte Elfe.

Aber mich, Deine Kinder uns, uns wolltest Du verlassen? Aber Du liebst ups ja^

Nun also! lachte Elfe.

Gotthardt blickte ihr verdutzt in's Auge.

Aber wie schwer von Begriffen Du bist! rief Elfe hell und munter. Du fühlst selbst, ich sehe, ich höre es ja, daß ich elend wäre ohne Euch begreifst Du denn nun nicht, daß ich mit Euch glücklich'sein muß! Muß, Gotthardt! Muß ich mag wollen oder nicht!