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Wp. 93» Hers selb, den 21. November. 1860*

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition kNeumarkt Nr. 587) pro Quartal 7^ Sgr. bei den Postaustalten kommt der übliche Postausschlag hinzu.- Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederhc« lungen mit 6 Heller berechnet.

Die Wetterhexe.

Novelle von W. L. Stricker.

(Fortsetzung.)

Nun isd^8aM?a^/Stunde gekommen! Da liegt ihr Todfeind, vor-Mmh ihres Lebens blutend und rö­chelnd vor ihr. Warum springt sie nicht auf, und zer­schmettert sein Haupt an der Felswand?,Doch wozu? Warum flieht sie nicht, und überläßt den Verblutenden dem Sturme unb den strömenden Regengüssen? Was kniet sie noch immer bei ihm und -richtet den Verband, und stellt sich zwischen ihn und den Sturm, und läßt seinen Kopf auf ihrem Knie ruhen? Hat Walburg ih­ren Haß vergessen? Sie hat ihn vergessen, und vor ihr liegt nicht ihr Todfeind, sondern ein hülfloser, verblu­tender. Mensch.. Er war unrettbar des Todes, wenn er hier liegen bliebt Die Capelle war gesperrt, und ohnmächtig rüttelte Walburg an den eisernen Angeln. Da sprang sie 'empor, die Verzweiflung verzehnfacht ihre Kraft, und sie zieht den schlaffen, hinfälligen Körper empor, als hebe sie ein Kind von der Erde. Seine Füße schleifte sie nach, und so gebeugt und wankend un­ter der Last schritt sie die wohlbekannten Pfade bergab, dem Dorfe zu.

Das Weib, des Schulmeisters saß noch einsam an einem Fenster ihres Hauses und starrte bang in den tobenden Sturm hinaus. Bald betete sie und rief ängst­lich auf: Gott im Himmel/ bewahre seine Hand vor Aiord! Dann wieder dachte sie an ihr verlorenes Kind und ihr Groll raffte sich aufs Neue empor, so daß sie eine wilde Lust empfand bei dem Gedanken, daß die Alte bereits in ihrem Blute liege, von der Hand ihres Mannes getödtet. So warb sie hin- und hergerissen zwischen Haß, und Angst, und sie bemerkte kaum, wie ber Sturm an den Fenstern zerrte und riß, und wie der Donner daherrollte in drohender, mächtiger Bran- dung. i a wars ihr, als ob laut an die Hgüsthür ge­pocht wurde. Sie schreckte empor'und das Pocheiffwic- derholte sich ungestümer. Ist es ihr Mann'?' Befleckt ' Hände? Es war ihr fast unmöglichsich ^"^rzuheben und zu .öffnen. Endlich riß sie sich mit Gewalt empor und öffnete." Den 'nächsten- Augenblick

fuhr sie todtenbleich zurück. Walburg stand an der Schwelle und in ihren Armen lag eine regungslose Gestalt der Schulmeister.

Ruhig und ernst blickte sie der Zitternden ins Ge­sicht unb sagte: Erschreckt nicht, er ist nur ohnmächtig. Aber nehmt mir ihn ab, denn ich glaube, ich werde im nächsten Augenblicke selbst umfingen. Und kaum gesagt fiel ihre Last schwer zur Erde nieder, und sie selbst brach in sich zusammen; ohnmächtig lag sie am Boden.

Das Weib behielt kaum so viel Besinnung, das Gesinde zu wecken. Tödtlicher Schreck hatte sich ihrer Seele bemächtigt,' und sie schwankte herum, ohne zu sehen und zu. hören, wie eine Nachtwandlerin. Die Knechte trugen ihren Herrn ins Haus; wohl sahen sie auch Walburg liegen, aber sie wichen scheu bei Seite; um keinen Preis hätten sie den Leib der Hexe berührt Walburg blieb vor dem Hause liegen.

Was sich^regen sonnte, war mit dem alten Manne beschäftigt. Er lag regungslos auf seinem Bette dahin- gestreckt, und nichts verkündete, daß er noch lebe, als sein leises Athemholeu, unterbrechen und krankhaft, fast wie das Stöhnen eines Sterbenden. Sein Weib kau­ert aufgelöst vor Angst an seinem Haupte und starrt auf seine Äugen, ob sie sich nicht öffneten. So vergin­gen Stunden. bis er sich endlich zu regen anfing. Sie sprang auf und beugte sich über ihn, und er öffnete plötzlich die Augen. Er blickte wild empor, dann nach allen Seiten herum, als wollte er seine verwirrten Ge­danken znsammeusuchen. Endlich besann er sich, ein tiefer Seufzer kam aus seiner Brust, schnell erhob er sich, und seine erste Frage war: Walburg wo ist Walburg?

Sein Weib erschrak heftig. Um Gotteswillen, lieb­ster, bester Mann, nenne sie jetzt nicht! Rege Dich jetzt lnicht auf!

Er antwortete nicht, sondern fragte noch ein Mal Jltnb heftiger:. Wo ist - Walburg?

Der Ton, womit er fragte, war aber so verschie> den von ehemals, so frei von Wuth und Haß, daß sie 'Fanz' erstaunt, antwortete: Ich glaube, sie haben sie auf der Schwelle liegen gelassen. Aber hat sie Dich so ' Heiliger Gott! rief er, und sprang mit einem Satze Uns dem Bett.- .