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9tr* 93. Hersfeld, den 17. November. 1860*

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Die Wetterhexe.

Novelle von W. L. Stricker.

(Fortsetzung.)

Schon war das Unglück mit dem Bergsturz gesche­hen. Walburg nndchhr ehemaliger Nachbar hatten da­von gehört, ohne zu ahnen, wieviel ste dabei verloren. Da ging Erstere eines Sonntags zur Kirche, einsam und gebeugt und finster vor sich hinblickend, so daß ihr Alles noch ängstlicher auswich, als gewöhnlich. AIs sie in die Kirche trat, hatte der Gottesdienst bereits begon- uen. Sie blickte nicht um sich, sondern kniete an ihrem gewöhnlichen Platze nieder, links zunächst der Thür, an der Stelle, welche für die alten Frauen bestimmt ist, zum Zeichen vielleicht, daß man sie bald hinaustragen würdeaus den Kixchhof, .Der die Kirche rings umgibt.

In demselben Stuhle kniete auch die Schulmeisterin und durchbohrte die Walburg mit wüthenden Blicken. Erstere ward immer unruhiger, erhob sich endlich rasch, ergriff ihr Buch und trat an eine andere Stelle.

Die Weiber ringsumher fühlten sich plötzlich von einem Schrecken ergriffen und folgten dem Beispiele, so daß Walburg auf ihrem Platze allein blieb, vor den Augen der ganzen Gemeinde geächtet und verstoßen als ein Auswurf. Alles.-blickte auf sie, denn das Geräusch hatte die Aufmerksamkeit der Gemeinde herbeigezogen. Da richtete sie sich auf; ihre Augen flammten, und die Hände hoben sich zuckend empor. So schaute sie wild und wahnsinnig um sich, eilte dann mit großen Schritte» zur Pforte, und verließ die Kirche.

Unaufhaltsam durch Dorf, Wiesen und Wälder irrte sie den ganzen Tag. Hier und da entfuhr ihren Lippen ein Wort des Grimms; dann preßten sie sich wieder -zusammen, und sie eilte wie gehetzt durch Ge- bahntes und Ungebahntes. „Es muß dock/wahr sein", •ÄeJte??: s'ch hin, „weil sie es Alle wissen. Kann uchS Gut, so will ichs auch! Es muß doch wahr sein! Ausgerottet das ganze Haus — wenn ich kann — ich will, ich will!" v

S'e wendete sich. Die Sonne war schon untergc- gangeii, Wolken standen schwarz und wüst über dem Wetterkegel. Dahin elfte sie.

Nach dem Gottesdienste sprachen der Schulmeister und sein Weib über das Vorgefallene. „Recht wars", sagte er, „aber sie wird uns schon danken."

„Ich hätte es nicht lassen sönnen, und wenn rings um mich der bodenlose Abgrund gewesen wäre, ich hätte hinaustreten müssen. Die "Lift war mir vergiftet."

„Sie wird ihre Hülfe da suche«, wo sie weiß, daß sie zu finden ist. Gieb Acht, sie dankt uns heute noch.

„Der Himmel wird uns schützen I" sagte die Schul - Meisterin ängstlich.

Dieses Mal will ich es selber versuchen, und will sehen, ob ich mir nicht Ruhe schaffe.

Mit diesen Worten nahm er sein Gewehr von der Wand, prüfte und lud es, und stellte es bei Seite.

„Du willst doch nicht — einen Mord!"

„Ich will. Laß Dich nichts kümmern. Jedes' wehrt sich, so gut es kann, warum nicht auch ich für Haus und Leben?

Der Tag verging und der Abend brächte dunkle Wolken. Ohne ein Wort zu sprechen, nahm der Schul­meister sein Weib beim Arme und zog sie zum Fenster.

„Siehst Du, wie schnell die Alte ist? Aber ich weiß, was ich zu thun habe. Ich weiß, wo ich sie finde, und bei der Hölle, die ihr hilft, ihr Fluch soll ihr Sterbegebet sein."

Er riß das Gewehr an sich und eilte mit heftigen Schritten fort, dem Wetterkegel zu.

Die Wolken warfen fahle Schatten auf den Berg, daß er noch düsterer aussah, als gewöhnlich. An seinem Fuße liegt öder Moorgrund, weit und breit keine Hütte und kein Feld. Wie ein Mantel bedeckt ihn bis hoch hinauf an die Grenzen der Baumregion der Nadelwald, aus dessen Nissen Felskuppen wie knorrige Rippen her- vorsehen. Der Fels selbst, ein bröckelnder Dolomit, ragt in abenteuerlichen Formen empor. Aus den Mul­den zogen sich Gerölle in breiten weißen Streifen herab, und nagten sich in die Wälder ein, alles Leben zerstö­rend in ihrem unaufhaltsamen Laufe.

Kein Wunder, wenn der Volksglaube den öden Berg mit unheimlichen Gestalten bevölkerte. Hoch dro­ben in den Klippen war die Stelle, wohin man die Ge­spenster bannte, und wer über den Berg mußte, über welchen der Weg zu ein paar entlegenen Alpen führte,