Hersfelder Anzeiger.
I
9m 83, Hersfeld, den 13. Oktober.- 1860«
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Nrumarkt Nr. 587) pro Quartal 7^ Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wwderho- lungen mit 6 Heller berechnet.
Die WeLterhexe.
Novelle von W. L. Stricker.
(Fortsetzung.)
„Aber wenn ich dann wieder her unterkomme, und die Leute grüßen mich nicht, und die Kinder weichen mir scheu aus, weil sie sich fürchten vor dem bösen Blick und es ist alles so ganz, anders, als ich es mir droben vorgestellt habe; da fällts mir doppelt schwer aufs Herz und es kommt eine Bitterkeit über mich, vor der ich mich oft fürchte."
„Ihr müßt ja die Leute hasten, Mutter, die Euch so quälen." ''
„Alle nicht. Nein; aber Einen den Schullehrer da drüben, Den wohl! Ich weiß es, daß es' Sünde ist, und daß man auch seine Feinde blieben soll; aber ich kann Mir nicht helfen — Den hasse ich!"
Georg schien bewegt. „Ich weist wohl, Mutter, daß er^an Allein schuld ist. Mutter, aber. . ."
„Sage mir da kein Aber! Du siehst ja, ich kann nicht dafür; ich habe meinen Haß nicht selber gemacht. Er ist heimlich gekommen, und hat sich mir ins Herz geschlichen, wie ein Dieb, aber ich bringe ihn nicht mehr heraus.
„Was Du mir sagen kannst, habe ich wohl tausend Mal in der. Bibel gelesen, und es hat nichts geuüßt; ich sehe lieber das Buch nicht mehr an, weil es aus demselben herausspricht, wie mein böses Gewissen, und ichs doch nicht ändern kann. Heute wollte ich wieder ein Mal in dem heiligen Buche lesen, weil ich gar so sehr daran gewöhnt war. Aber ich konnte nicht, und inußte^ es wieder weglegen, denn immer fiel mir wieder der Spruch ein: Liehet Eure Feinde!
"Ich wünsche und thue dem Schulmeister nichts Böses, ich möchte ihm sogar helfen, wenn er es brauchte, aber lieben kann ich ihn nicht, ich muß ihn hasten!" f . ®££r9 Wie gern Etwas gesagt, aber er konnte seiner Mutter nicht Unrecht geben, und schwieg.
„Sieh, ueber Georg, die Anderen im Dorfe behandeln mich nicht anders, ich habe sie doch Alle lieb. Es ^ut nur weh, wenn sie mir so unfreundlich begegnen; muß dann immer denken: Du thust das nicht,
das thut der Schullehrer. Ich wills nicht denke», aber der Gedanke kommt mir von selber, und ich kann ihn nicht los werden."
„Habt Ihr denn gar Niemand, mit dem Ihr sprechen, könnt!"
„Keine Seele, und da bin ich denn das ganze Jahr allein, und müßte vergessen, daß ich sprechen könnte, wie ein anderer Mensch, wenn ich nicht manchmal in das Städtchen komme, in welchem der Apotheker wohnt, dem ich meine Kräuter verkaufe.
Schau, vorigen Montag war ich drüben, und da war mir, als ob ich ein anderes Leben ««gefangen hätte, so selig war mir ums Herz, wie mir die Leute Alle frei ins Gesicht schauten, und ich ihnen, und Manche mich grüßten, wenn ich ihnen aus der Gasse begegnete, und die Kinder nicht davon liefen, sondern ruhig blieben und weiter spielten, wenn ich stehen blieb und zusah.
„Aber die Seligkeit hatte auch bald ein Ende denn ich mußte zurück, und hier ging es wieder im Alten fort, und ich war wieder allein. Und da hab ich die letzte Zeit wo ich wußte, daß Du bald kommen werdest, die Stunden gezählt, und jetzt hab ich Dich erwartet, und Du bist endlich gekommen.
„Aber nun die Hauptsache nicht zu vergessen, hier sind Deines Naters Kleider; ziehe sie an, und ich werde indessen nachsehen was ich Dir in der Geschwindigkeit auftischen kann."
Walburg ging, und Georg blieb mit seinen Gedanken zurück, die" nicht die heitersten waren; denn, wie wir bald sehen werden, hatten der Mutter Worte manche Saite seines Herzens unangenehm berührt.
II.
Wiedersehen.
Wir übergehen die Nacht, welche Georg wieder in der Heimat zubrachte, von der ihn ein langes Jahr voll Mühen und Sorgen getrennt hatte.
Bis zum Schlafengehen hatte er seine Mutter mit der Erzählung feiner Erlebnisse im verflossenen Jahre unterhalten, lind so einförmig diese Unterhaltung war, so konnte die Mutter doch nicht müde, werden zu hören. Der Sohn erlebte Alles in der Erzählung noch ein Mal, weil er ein Herz fand, das an seinen Schicksalen Theil nahm.