Screfelder Anzeiger.
Nv. M. Hersfeld, den 5. September. 1860*
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Eine tteverfchwemmung in Mustealien.
Mitgetheilt von Karl Friedrich Liebherr.
Gundagai ist eine kleine Niederlassung im Innern von Neusüdwales; sie liegt an den Ufern des Murrum- bidgee, einen der Hauptnährer des Great Murray Ri- Ver, und die Straße von Sidney nach Melbourne führt durch dieselbe. Die Landschaft ringsum besteht größten- theils aus so breiten Thälern, dH man sie Ebenen nennen könnte, nur hier und da erheÄn sich einzelne Hügel von unbedeutender Höhe.
Als ich mich hier niederließ, fand ich ein kleines hölzernes Haus mit einer Verranda. Hinter dem Hause war ein großer, für Küchengewächse bestimmter Garten; vor demselben eine Wildniß, welche wir den Blumengarten nannten. Blumen waren auch da, aber sie sahen aus wie Unkraut — Dickigte von Geranium, verworrene Massen von^ Nelken und wuchernte Hecken von Rosen.
Das Haus enthielt vier Zimmer, alle im Erdgeschoß; es schien mir ein wenig sonderbar, daß es auf Pfähle gebaut war, welche drei Fuß über den Boden sich erhoben, - aber spätere Erfahrung zeigte mir die Nothwendigkeit dieser Bauart.
Der Ort hatte ein so trauriges Aussehen, daß ich fast fürchtete meine Frau von Sidney hierher zu bringen. Doch ich hatte mich getäuscht. Bertha war eine eifrige Blumenzüchterin und die Aussicht auf dieÄrbeit die Blumenbeete in Ordnung zu bringen, machte ihr Vergnügen. Unter ihrer Aufsicht wurden die Blumenbeete eingefaßt, die überflüssigen Pflanzen herausgezogen und die Rosenbäume sorgfältig beschnitten- Manche neue Arten wurden gepflanzt und bald war eine bedeutende Verschönerung sichtbar. Rosen, Geisblatt, Doli- chus und australischer Epheu beschatteten die Veranda; junge Mimosen-Bäume bildeten eine undurchdringliche Mauer um unsere kleine Heimat. Das fruchtbare Klima Australiens erleichterte die Arbeit.
Eines Morgens — es war der letzte März — verließ ich mein Haus, um einen Ansiedler am Zarcutta Creck, 30 Meilen entfernt, zu bestichen. Ich hatte un- terwegs mehre Besuche abzustatten und kam deshalb erst den Nachmittag an meinem Bestimmungsorte an. Als
unser Geschäft abgeschlossen war, nahm ich die angebotene Gastfreundschaft meines Wirthes bereitwillig an, da ich und mein Pferd der Erholung sehr bedurften. Eine angenehme Unterhaltung machte die Zeit schnell vergehen und als ich endlich aufstand, um wieder abzureisen, zeigte die sinkende Sonne die Nähe der Finsterniß an.
Der Morgen war warm gewesen, aber nicht unangenehm, weil — wie dies oft zu Ende des australischen Sommers geschieht — ein sanfter Westwind die Glut der unbewölkten Sonne milWDte. Aber der Abend war das Gegentheil. Es wehtHMin Wind mehr und die Luft war so dicht, daß man ste kaum athmen konnte und der Schweiß aus jeder Pore drang. Die ganze Natur war unheimlich ruhig; kein Grashalm, kein Blatt bewegte sich; nur dann und wann ertönte ein dumpfes, düsteres Brausen — welches dem einer entfernten Brandung an felsiger Küste glich — aus den benachbarten Wäldern. Im Westen verschwand die blntrothe Sonne in einer dichten Masse purpurner Wolken, welche schnell heranrollten und bald die leuchtende Kugel mit ihren düsteren Falten umhüllten. Als die Stralen der Sonne verschwunden waren, schien ein dunkelgelber Schatten über die Erde zu kriechen und sie mit einem Leichentuchs zu bedecken. Ein unwillkürlicher Schauer, wie ich ihn oft gefühlt, wenn die Atmosphäre mit Electcicität geschwängert war, zitterte durch meine Glieder, und belehrte mich, daß ein Gewittersturm im Anzüge war.
Ich spornte mein Pferd, um dem nahenden Sturme zu entfliehen. Die Wolken häuften sich; dichte Finsterniß bedeckte die Erde und dann und wann grollte drohend der Donner. Doch ich kam sicher auf der Harten, trockenen Straße bis einige Meilen von Gundagai.
Plötzlich durchzuckte -ein Blitzstral die dichte Finsterniß und ein furchtbarer Donnerschlag weckte das schlummernde Echo des Thales. Mein erschrecktes Pferd schnaubte und schlug wüthenv aus, dann stand es zitternd still; doch ein zweiter blendender Blitzstral, ein zweiter heftiger Donnerschlag folgte und das Thier eilte in vollem Galopp vorwärts.
Der Regen ergoß sich nun in Strömen, der Wind heulte durch den Wald und brauste stoßweise quer über die Straße, manchen stattlichen Baum entwurzelnd, andere ihrer Aeste beraubend. Blitz auf Blitz folgte fast