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Hersfelder Anzeiger.

srp. 46. Hersfeld, den 9. Juni. 186V.

Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends — Preis dessel­ben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Post­aufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bet Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:

den Obersten Kröschell vom Kriegsministerium mit Pension ausscheiden zu lassen.

Die WrautfahrL.

Humoreske.

Amadeus Wermuth war mit Dora Lenz verlobt, was ihm ^ie höchste Befriedigung gewährte, denn Dora war die. Sanftmüthigste und einfachste ihres Geschlechts, sehr schön und jung, und lachte nicht über jede Kleinig­keit, obgleich sie die frischesten Lippen und weißesten Zähne hatte. Deshalb glaubte auch Amadeus, daß sie nie unehrerbietig von ihm spräche. Wirklich war sie zu gutmüthig, bescheiden und vertrauend, als daß sie von Jemand Uebles sagen konnte. Sie hielt Wermuth für sehr hübsch, was er auch war,,und glaubte seinen Be- theuerungen, worin sie sich aber irrte; denn unter diesen war auch das Versprechen eines unbegrenzten Vertrau­ens. Als er dieses Versprechen ablegte, bewachte er den Ausdruck ihres Gesichts.

„Sie glauben mir nicht!" rief er.

»O ja, ich glaube Ihnen. Welche Absichten könn­ten Sie haben, etwas Anderes zu sagen, als was Sie wirklich, fühlen?"

„Aber Ihre Augen blicken so ruhig, Ihr Mund ist geschlossen und Ihre Wange weder erröthend noch bleich. Ich sähe es lieber, Sie wären aufgeregter!"

„Ich würde es sein", sagte die unschuldige Dora, „wenn ich Ihnen nicht glaubte; aber da ich es thue, warum sollte sich mein gewöhnliches Aussehen ändern?"

„Gut, Sie mögen recht haben", sagte Wermuth. Indessen war der sanften Dora Gleichgültigkeit ihm nicht ganz angenehm.

Wermuth hatte Dora in Berlin kennen gelernt, wo sie mit ihrer Tante den Winter über zugebracht hatte. Bevor sie nach ihrem Landgute in der Nähe von E... zurückkehrten, war es beschlossen, daß Wermuths und ^oras Hochzeit nach einem Jahre Statt finden

sollte, wenn der einzige Bruder Doras, Lieutenant bei den'rothen Husaren in E..., welcher im Augenblick sich auf Commando in Posen befand, seine Einwilligung ge­geben haben würde.

Wermuth stieg freudestralend in den Eisenbahnwa­gen, um Frau Hosrath Frostig, Doras Tante, zu besu­chen, und als der Zug zu E... anhielt, sprang der feu­rige Liebhaber auf den Perron und beorderte einen Wa­gen nach dem Landsitze der Hofräthin. Während er auf den Wagen wartete und in tiefen Betrachtungen seiner eigenen Vollkommenheit auf und ab ging, hatte er zwei andere Herren nicht gesehen, welche augenscheinlich mit demselben Zuge angekommen waren, zwei hübsche^ laut sprechende, militärisch aussehende Männer, die ihre Stöcke schwangen oder ihre Beinkleider damit klopften, wie es die Gewohnheit mancher Osficiere ist.

„Ha, ha!" lachte der Eine, die Unterhaltung wie­der ausnehmend, welche durch das Anhalten des Zuges unterbrochen worden war; „ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen so albern aussehenden Burschen gesehen!"

„Ein wirklicher Klotz", antwortete der Andere.

Wermuths Anfinerksamkeit würde rege.

„Albern!" dachte er, „Klotz! Von wein schwatzen diese Burschen?"

„Und doch glaube ich, der Affe denkt, daß er eines x der hübschesten Mädchen in ganz Preußen erobert hat!" fuhr der erste Sprecher fort, zu welchem der andere, welcher nicht sehr beredt schien, nur lachte: „Ha, hä! welcher Narr!"

„Bei Gott, das darf ich nicht leiden!" dachte Wer- muth. „Ich will die Puppen missen lassen, daß ich ^e nicht überbörte." Und er hustete so laut, daß es feie eine Herausforderung klang und sah die Sprecher mit einem Blick an, als wünsche er, sie auf dem Platze an- zugreifen. Doch ein Polizeidiener kam aus dem Bureau und wechselte die Strömung seiner Gedanken.

„Ich rathe Ihnen, meine Herren, aus Ihrer Hüt zu sein", sagte der Polizeidiener zu den beiden jungen Männern, welche Wermuths Zorn erregt hatten;„eintr der berliner Taschendiebe ersten Ranges kam mit dem letzten Zuge und schleicht hier irgendwo herum."

Die Freunde blickten instinctmäßig nach der einzi­gen Person, welche sich auf dem Perron befand' da sie