Dcrsfeldcr Anzeiger.
NP. 4Z. Hersfeld, den 26. Mai. 1S6O*
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Das Moormannleim
Erzählung von Catharina Schwarz.
(Fortsetzung.)
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Es kostete die Gräfin große Ueberwindung, dem freundlichen Rathe ihres Gemals Folge zu leisten; viel lieber wäre sie, ihren Gedanken nachhängend, im Ahnen- saale geblieben. Ja, damit nicht zufrieden, würde sie sogleich Nachgrabungen angeordnet haben, wenn es sich ohne Borwissen des- Grafen hätte bewerkstelligen lassen. Sie verzichtete jedoch auf das Unmögliche und der bessern Einsicht folgend, begab sie sich in den Garten. Hier gewahrte sie Den alten Elias, welcher dem treuen Dienste des gräflichen Hauses fast sein ganzes Leben gewidmet hatte und dasselbe auch im Schlosse beschließen durfte. Durch die laue Luft herausgelockt, saß er, sich sonnend auf einer Terrasse. Der Gedanke, daß dieser wohl auch etwas wissen könne, durchblitzte ihre Seele, und kaum würde sie es über sich vermocht haben, ihn nicht zu befragen, hätte sie nicht ihre beiden jüngsten Töchterchen bei ihm bemerkt. Die vierjährige Alma, welche ihren eigenen, kindlichen Geschmack auch bei dem Greise voraussetzte, versorgte ihn reichlich mit den schönsten Herbstblumen, während die sanfte Clara demselben vorlas.
, , Freudig eilten ihr die Kinder entgegen und indem sie die Mutter zu dem ergrauten, durch die Wucht von vreiundncunzig Jahren tiefgebückten Diener zogen, baten sie, ihm noch länger Gesellschaft leisten zu dürfen, was die Gräfin unter gütigen Worten gegen Elias, gern gestattete. Auf dem Wege zu einem Bosquet, wo ihre beiden anderen Töchter beschäftigt saßen, überlegte sie, daß es Unrecht von ihr sein würde, dem Wunsche ihres Gemals nicht zu entsprechen, während doch sein Charak- ter sowohl als Seine Einsichten ihr die größte Achtung emslvßteiu , Hatte er nicht, ein unerschütterlicher Fels in den Schicksalsstürmen, alle seine Neigungen der Pflicht zum Opfer gebracht und als unermüdeter Landwirth durch eigene, umsichtige Leitung die Sequestration der Guter bisher verhütet? Gar zu w.ohl wußte jedoch die
unglückliche Dame, daß dieser Schlag jetzt unvermeidlich sei, so sorgfältig auch ihr Genial, um sie nicht im Voraus zu betrüben, dies ihr einstweilen verschwiegen hatte. Es waren ihr hierauf bezügliche Briefe in die Hand gefallen, und sie konnte sich jetzt seinen Trübsinn, wenn er sich unbemerkt glaubte, wohl erklären. Tief rührte sie seine Schonung, und um ihm ihrerseits das Herz nicht noch schwerer zu machen, verhejMHtesieihre Mitivissenschaft. So beraubten sich bt^e&In IrMwn' gegenseitig der größten Ausrichtung ^im ^M>^>er Mittheilung und des gemeinschaftlichen
Durch die Erzählung ihres Gemals ungewöhnlich aufgeregt, war die Gräfin kaum noch im Stande, das Bosquet zu erreichen, als gänzliche Abspannung eintraf. Franziska fing die Ohnmächtige in ihren Armen auf und brächte sie sogleich zur Ruhe. Von diesem Abend an fesselte fortwährendes Unwohlsein sie an ihr Lager, und dasselbe Schloß, welches in früheren Zeiten wohl oft der Schauplatz glänzender Feste und des heitersten Fa- milienlebens gewesen war, glich jetzt einem Trauerhause. Nur auf denFußipitzen wagten die betrübt umherschlei- chenden Kleinen dem Bette der theuern Mutter sich zu nähern, während Franziska, ihre liebreiche Pflegerin, sie nicht mehr verließ und ihr Genial jede ihm übrige Minute tief bekümmert an ihrer Seite zubrachte.
Unter all diesem Jammer schlich ein Monat nach dem andern, die Niedergebeugten eine Ewigkeit dünkend Vorüber. Der stürmische, trostlose Winter möchte wie» der der schönen Jahreszeit Platz, doch ließ kein Hoffnungsschimmer sich erblicken, weswegen der edle Graf, ohne Aussicht, seinem Verhängnisse zu entgehen, zur Erfüllung der schweren Pflicht schritt, seine Tochter auf ihre Entsagung vorzubereiten. Ihm, der alles eigene Leid standhaft ertragen hatte, versagte die Stimme bei dieser verhänguißvollen Eröffnung.
Aus ihrer Sicherheit aufgeschreckt, war Franziska im ersten Augenblicke wie vernichtet; doch machte bald ein Thränenstrom ihrem gepreßten Herzen Luft.
„Und bleibst denn Du mir nicht, mein theurer Vater ?" rief sie aus, indem sie ihre heißen Lippen auf des Grafen Hand drückte und ihm unter Tränen zulächelte. „Auch wird der barmherzige Gott uns gewiß die Mutter erhalten — und bin ich dann nicht glücklich genug,