Hersfel-cr Anzeiger.
Nr. 40, Hersfeld, den 19. Mai. 186O*
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Das Moormannlein.
Erzählung von Catharina Schwarz.
I.
An einem Septembertage des Jahres 1820 maß Kuno, Gras von L., den Ahnensaal seines Stammschlosses mit großen Schritten. Seine ernste, ja sorgenvolle Miene stand in scharfem Widersprüche mit der freundlichen Herbstsonne, welche, durch die hohen Fensterbogen fallend die Bildnisse seiner Vorfahren beschien.
Vom mitteralterlichen Harnisch und der Allonge- perücke an bis zur modernen Uniform und dem mitOr- dcnssterneu geschmückten Hoskleide befand sich hier eine Zusammenstellung der mannigfaltigsten Trachten. Fast eben so sehr wichen auch die Gesichtsbildungen von einander ab, und wenn auch hierdurch die Eigenthümlichkeit eines Jeden besonders hervorgehoben wurde, so beurkundete doch die Erscheinung sämmtlicher Ahnen das edle, ritterliche Geschlecht.
Bald blieb der Graf vor diesem, bald vor jenem Bilde stehen; dann fuhr er mit der Haud über seine tiefgefurchte Stirne und setzte seine Wanderung fort. Seine stattliche, kräftige Gestalt ließ kaum vermuthen, daß er beinahe fünfzig Jahre zählte, und seine Züge, welche entschieden das Gepräge der Charakterfestigkeit trugen, mochten in ruhiger Stimmung einnehmend zu nennen sein. Frühzeitige Strapazen aber und die Sorgen der letzten Jahre hatten deren Linien tiefer gegraben und Haar und Schnurrbart-beinahe gebleicht. Für die militärische Laufbahn bestimmt, hatte er als Knabe schon das väterliche Schloß mit der Cadettenschule vertauscht und war sehr früh eingereiht worden. Einer der Tapfersten unter den Tapferen blieb er dennoch un- verwundet, bis er in der mörderischen Schlacht bei Eylau dem Geschicke seinen Tribut bezahlen mußte. Eine an- scheinend geringe, in der Hitze des Gefechts kaum beachtete Wunde machte ihn dienstuntüchtig und bewirkte, daß er, als Major verabschiedet, sich auf sein Rittergut Th. zurückzog, um-dessen Verwaltung pcrchnlick zu überwachen. In Folge zahlloser Unfälle seiner Vorfahren hatte er dasselbe bereits sehr verschuldet angetreten und sich damals mit einer Waise, einem zwar vorzüg
lichen, aber unbegüterten Fräulein vermählt. Kriegszeiten, Mißwachs und sonstiges Unglück hatten nach und nach das ursprünglich herrliche Befitzthum vollends herabgebracht, so daß der Graf jetzt einer Administration seiner Güter gewärtig sein mußte.
Von dieser Katastrophe nun befürchtete er die traurigsten Folgen für das zarte Leben seiner kränkelnden und daher sehr reizbaren Gemalin, der treuen Mutter seiner sieben Kinder. Drei Knaben waren hiervon in auswärtigen Erziehungsanstalten, während drei liebliche kleine Mädchen nebst der achtzehnjährigen Francisca sich zu Hause befanden.
Das Schicksal der Letztern, eines nach Verstand und Gemüth gleich ausgezeichneten Mädchens, war es hauptsächlich, das ihn tief bekümmerte. Der Sohn eines benachbarten Rittergutsbesitzers, der junge Gras Egbert von R., hatte seit geraumer Zeit ihr Herz gewonnen, jedoch von seinem Vater, einem ehrgeizigen Manne, die Einwilligung zu dieser Verbindung nur unter der Bedingung erlangt, daß an der Familie des Grafen von L. nicht der geringste Makel klebe, worunter er einen allensallsigen Beschlag auf dessen Güter verstand.
Zwischen Furcht und Hoffnung schwebend befand sich nun Graf Egbert in einer entfernten Garnison, während Francikas blühende Schönheit und träumerische Blicke noch keine Ahnung von der, mehr als wahrscheinlichen Störung ihres Liebesglückes verriethen. Mit den düstersten Farben malte sich 'hr Vater, dem jener Vorbehalt des alten Grafen R. bekannt geworden war, ihre Enttäuschung und die hoffnungslose Zukunft der Familie. Sein eigenes hartes Loos vergessend, quälte sich der edle Mann mit Auffindung eines Rettungsmittels für seine Lieben ab, und so hatte er sich auch heute, um ungestört zu sein,1 hierhin zurück gezogen. In tiefem Nachdenken auf und niedergehend war er wieder am obern Ende des Saales angelangt und blieb sinneud bei dem Bilde des Stammvaters seines Geschlechtes stehen. Dies stellte einen schönen, vornehm blickenden Mann in Bergmannstracht dar. Edelmut!) und Menschenfreundlichkeit sprachen in lieblicher Mischung aus seinen noch jugendlichen Zügen, so daß das Auge auf diesem Gesichte ansruhen konnte.