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NP. 39» Heröfeld, den 16, Mai. 186O*

Sonnabends Preis dessel« kommt der übliche Post- Raum mit 8 Heller, bei

©erHersfeIder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und den bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr. bei den Postanstalten aufschlag hinzu. Anzeigen aller Art werven ausgenommen und die Zeile oder deren Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

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Die EfcheekeffengarDe des Rnffen- «KtriserS.

(Schluß.)

In einem Staate, wo Alle, selbst die Jünger der freien Wissenschaft, die Studenten und Profe orcu, uni- formirt sind, ist die Belassnug des Nationalcostume eine dem Elitecorps gemachte Concession, welche nebst der Beibehaltung der kaukasischen Waffen wenigstens dazu dient, gewisse den Stämmen des Kaukasus eigenthüm­liche Gebräuche am Leben zu erhalten, da außerdem die meisten derselben seit der Unterwerfung der Ersteren unter russisches Scepter, verschwinden werden, wie ein verglimmendes Licht. Theilweise ist die Verschmelzung der Sitten und Gebräuche in Kaukasien und Rußland bereits erfolgt. Diejenigen Stämme, welche Tscherno- morien, d. h. die Küstenländer am Schwarzen Meere bewohnen, unterliegen der russischen Botmäßigkeit schon seit 1020 Jahren und würden von den Nationalrus- sen kaum noch zu unterscheiden gewesen sein, wenn sie in ihren dürftigen, aber reinlichen Stanitzas (Dörfern) von Stroh, Schilf und Lehm, nicht mitunter genöthigt gewesen wären, sich gegen ihre freie Brüder im Gebirge zu wehren, welche sie für Verräther hielten. Diese schon länger unterworfenen Smmme sind die Abchasier und Dshighethi, welche zwar zu den ältesten, aber auch zu den rohesten des Kaukasus gehören und weder den ritterlichen Sinn der Adighe oder Tscherkessen (Lesghier) noch die Biederkeit der Georgier oder den Gewerbfleiß der Armenier besitzen. Beide Hauptstämme nährten sich seit Jahrtausenden von Kriegszügen und Raub, und haben sich erst neuerlich, durch russische Ansiedler gereizt und durch die Militärherrschaft gezwungen, dem Acker­bau zugewendet, der ihnen sonst als ein gemeines Ge­werbe galt. Beide Stämme haben in ihr Hcidenthum Spuren des Christ-uthums ausgenommen; die Abchasen sind roher wie die Dshighethi, aber auch noch unterwür­figer als diese. Sowohl in Waffen und Costume, als in ihrer Art, Krieg zu führen, sind Beide den Tscher- kesfen fast gleich.

Die kaukasischen oder tschernomorischen Kosacken ge­ben ihren Waffengenoffen vom Ufer des Dnjpr und

Don nichts nach, ja sie übertreffen noch die kecken Ab­kömmlinge Mazeppas und Jermaks durch Kühnheit, Einfachheit und Ausdauer, und ihre Pferde sind ge­wohnt, sicher auf Bergpfaden zu gehen, während die Kosacken der Steppe nur in Ebenen brauchbar sind. Viele Geschichtsschreiber behaupten zwar, sämmtliche Ko- sacken seien russischen Ursprungs, aber es ist hochwahr- scheiniich, daß nicht bloß der NameKosack" türkisch- tatarischen Ursprungs ist, sondern auch ein -Theil^der Stämme, die ihn tragen. Besonders haben I^HHjHprx auf der asiatischen Seite des K.aukasus noch/MvertW^> bar tatarisches Wesen an sich. Sie Iieb \ und ihreMutter" (den Säbel) über neu Tage lang mit einem Stück unter Ä^i^aMl../'-' gekochten Pferdefleisches und einem cLäckchen,, ausdauern. Daß sie lieber rauben als säen, weMÄck' sich von selbst.

Der beste Theil, der kaukasischen Bevölkerung sind die reinen Gebirgsbewohner, die Adighe, oder eigentli­chen Tscherkessen, welche sich in eine Anzahl Nebenftäm- meu vertheilen. Zwei Eigenschaften geben diesen, von den Russen zuletzt unterworfenen Stämmen ihre Weihe: die Liebe zur Freiheit und die Gastfreundschaft, welche sie unverbrüchlich halten und sogar dem feindlichen russischen Soldaten gewähren würden, wenn er hülflos wäre. Lieber hungerten die Tscherkessen, als daß sie ihre Freiheit ohne schweren Kampf aufgeben, und ihr Schwert galt ihnen für ein heilig zu bewahrendes Pal­ladium. Sie haben das Palladium nicht mehr. Ihr ritterlicher Sinn zeigte sich sogar in den zartesten An­gelegenheiten,wo Starkes sich und Mildes paaren." Der Tscherkesse folgt noch heute bem Gebrauche, sich das Weib seiner Wahl, das er ehrt und achtet, zu er­kämpfen, wenn auch in friedlicher Zeit nur im Schein­gefecht. Obschon in allen tscherkessischen Stämmen pa­triarchalische Einrichtungen herrschen und der Einzelne sich dem Spruche eines einfachen Greises unweigerlich unterwirft, so ist doch das monarchische Princip im All­gemeinen dort verhaßt. Der Häuptling Schamyl war in der neuern Zeit das einzige Beispiel eines geistlich­weltlichen Regenten/ aber mehr Vater als König, wäh­rend in manch anderm Lande von Väterlichkeit nichts zu entdecken ist.