Hers selb er Anzeiger.
Nr. 31. Hersfeld, den 18. April. 1860*
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Der Spion Napoleon s.
(Fortsetzung.)
Das Vorrücken t>er Franzosen geschah allerdings mit einer fabelhaften Schnelligkeit, sagte der junge ®0e.= wann, wurden wir doch Alle, davon überrascht, ja mehr als überrascht; da freilich galt es für die, die den Kopf nicht verloren hatten schleunig zu handeln, um zu retten, was zu retten war, und, um die nöthigen Maßre- geln zu ergreifen. — Haben Sie denn von Ihrem Va» ter noch kein Schreiben erhalten?
Nein, das nicht, und ich wurde hierüber in Unruhe sein, wüßte ich nicht, in welchen: Zustande von Anarchie sich unsere Post befindet und wie sich jetzt Jedermann scheut, selbst das Unschuldigste dem Papiere und der Post anzüvertraueu. Uebrigens ist es auch möglich, daß mein Vater einen Pries abgeseudet.hat, daß solcher aber nicht an mich gelaugt ist; vielleicht hat ihn meine ver-- rätherische Gauvernante unterschlagen.
Das ist freilich möglich, sagte der H^rr-von Blumenberg, aber dann müßte der alte Baudel es wissen.
Nein, er kann es nicht wissen, da er von Allem, was oben im Hause vorging, wie ich mich überzeugt, keine Ahnung hatte. Die Gouvernante hat ihren Verrath so schlau und so listig angestellt, daß der arglose alte Mann, der so viele Jahre daran gewöhnt war, ihre Befehle, wie die meines Vaters zu respectiren, wie wohl er es oft genug mit Widerwillen that, nicht den geringsten Zweifel hegte, er handele nach dem Willen meines Vaters, welcher ihm ja ein für alle Mal Gehorsam gegen die Befehle der Gouvernante streng zur- Pflicht gemacht. Diese nun hatte ihn während der letzten schändlichen Intrigue öfter fort geschickt und so kann es auch fein, daß in dieser Zeit ein Brief meines Vaters angelangt, oder sie. Hat durch irgend eine andere Manipulation einen solchen unterschlagen. Genug Bändel weiß nichts von einem Briefe.
Sie sind also von der Treue des Alten vollkommen überzeugt? fragte der Edelmann.
Das bin ich, aber ich muß gestehen, daß man in dieser traurigen Zeitauch an dem reinsten Charakter irre werden könnte, und ich halte es jedenfalls für besser, selbst den alten Diener nicht näher in unsere Ab
sichten einzuweihen. Ich werve ihm mittheilen, daß ich fort reise — weiter aber nichts. Er braucht es nicht zu wissen, daß ich noch in Berlin bin, und unter welcher Maske ich reisen werde. Haben Sie die Güte dafür zu sorgen, daß in spätestens zwei Stunden eine Ber- line vor dem Hause hält, ich werde dem Kutscher dann durch Bändel sagen lassen, er möge mich zum Brandenburger Thore hinausfahren, und erst unterwegs werde ich ihn anders' instruixeu, und ihm ihre Adresse, sagen. . Nicht wahr, hiermit sind Sie vollkommen einverstanden.
Ganz vollkommen, schöne Gräfin, es soll Alles so sorgfältig und mit so viel Vorsicht ausgeführt werden, ww in dieser Zeit nöthig ist. Ich eile, uns Alles in Bereitschaft zu setzen und bin glücklich des Vertrauens. wegen, das sie mir schenken. Für jetzt leben Sie wohl, ich werde sie bald Wiedersehen..; -atö sich. Lau
Der Edelmann küßte dem jungen Mädchen cheval- resk die Hand und entfernte sich schleunigst.
Als sich der Herr von Blunienberg entfernt hatte, traf Amalie ihre Anstalten, um ihren Plan in Ausführung zu bringen. — Sie packte das Nöthigste ein, und als sie kaum mit .ihrem Anordnungen fertig war, hielt eine Berline, wie die Droschken damals genannt wurden, vor der Thür und Alles wurde, nach der VerabredunF mit dem Herrn von Blumenberg ausgeführt.
In der Familie des jungen Edelmanns fand sie Alles zu ihrer Aufnahme vorbereitet. Die. Frau des Hauses bot Alles auf, um das Fräulein von ihrer Idee, Berlin zu verlassen, tabzubringen, aber Amalie bestand fest darauf, zu ihrem Vater zu reisen^ und so wurde dem: in der That ein Paß verschafft, mit dem versehen sie in der Verkleidung einer Gärtnerin und in Begleitung des Edelmannes früh am Morgen Berlin verlas» sen wollte. j); rA&arj
Bis dahin war im Hause, in welchem der alte Bändel Wache hielt, Alles ruhig gewesen, aber gerade an dem Tage, an welchem Amalie Berlin verließ, kehrte die Gouvernante zurück. ; *
Sie war nicht wenig erstaunt, zu vernehmen, daß das Fräulein die Residenz schon seit einigen Tagen verlassen habe, sie sprach sich gegen den alten Diener in den heftigsten Ausdrücken aus und suchte ihn auszufor- schen, welchen Weg seine junge Gebieterin genommen habe.