Einzelbild herunterladen
 

HerSfelhcrAnzeiger.

Nv> S. Hersfeld/ den 18. Januar. 1860«.

Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis dessel­ben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7) Sgr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Post- aufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Der Spion Wapoleons»

(Fortsetzung.)

Welche Verbindungen, welche Freunde hat er? exa- minirte Mörtel nun ruhig weiter.

Geheime Verbindungen, sagte Burt gewichtig. Ver­schwörungen gegen den Kaiser Napoleon, gegen die Ord- nung des Bestehenden — will Alles über den Hausen werfen — ein gefährlicher Mensch — der

Hast Du Fakta? fragte Mörtel.

Versteh' nicht, sagte Burt.

Ich meine, ob Du auf eine zuverlässige Spur sei- ner Verbindung gekommen?

Noch nicht, versetzte Burt.

Also weißt Du eigentlich nichts?

Für einen zweiten Napoleon mehr, antwortete Burt und wiegte sich behäbig mit den Beinen.

Mörtel ging eine Weile nachdenklich im Zimmer auf und ab, dann plötzlich blieb er vor Burt stehen und zog seine Börse.

Als dies Burt sah, blickte er Mörtel stier und un­verwandt an und wagte kaum Athem zu schöpfen, als aber endlich zwei Goldstücke ia seinen Schooß hinabglit- ten, liefen ihm große Schweißtropfen über die Stirn, und hastig, wie ein Hund nach einem zugeworfenen Brok- ken, griff er da nach.

Ich werde noch in diesem Jahre einen genauen Be­richt über den Jakobiner erfahren. Jede Minute, die er von nun an lebt, soll vor mir offen daliegen, wie jenes Buch da, sagte Mörtel.

Ja, sagte Burt, das Bildniß Napoleons aus seinen Goldstücken küssend.

Geh, befahl nun Mörtel.

Burt erhob sich von der Kiste, öffnete diese und zog ein schwarzes Habit hervor, dann entfernte er sich.

Mörtel aber setzte sich nieder und schrieb folgenden Bericht:

Ich bin einer Verschwörung auf die Spur, dje nicht nur gegen das Leben Sr. Majestät den Kaiser der Fran­zosen und gegen Frankreich, sondern gegen die bestehende Ordnung überhaupt gerichtet ist. Deutschland und Frank­

reich sollen in den Zustand der Anarchie, wie zu Zeiten der Revolution, versetzt werden. Das Haupt dieser Ver­schwörung ist ein junger Mann, der sich nicht scheut, seine Grundsätze öffentlich zur Schau zu tragen und so­gar deshalb von seinem Freunde der Jakobiner genannt wird. Es ist unverzeihlich von den Berlinern, daß sie diesen Menschen nicht nur aus jeder anständigen Gesell­schaft verbannen, sondern um den Haß gegen seine,Kai^>, serliche Majestät zu befriedigen, selbst revolukiMtirM Umtrieben mäßig zuschauen. Ein umständlich r BtzriW^ wird noch vor Jahresablauf au Euer Excellenz gelangen.

Dieses Schreiben gab Mörtel selbst im Bureau der französischen Gesandtschaft ab,

Eine Brautwerbung.

Madame Sally war eine Frau von etwa vierzig Jahren. Sie müßte in ihrer Jugend sehr schön gewe­sen sein, denn noch trug sie die Spuren davon, obgleich bitterer Gram seit vielen Jahren an ihrem Herzen nagte. — Jung, schön und reich, war sie die Beute eines Man­nes geworden, dessen Gattin sie auf den Wunsch ihrer Eltern und von dem sie nach zweijähriger Ehe schmäh­lich verlassen wurde. Ihre Mitgift war vergeudet und nur das Erbthcil ihrer Eltern enthob sie späterhin den Nahrungssorgen und sicherte ihr und ihren Kindern ein gemächliches Auskommen. —. Madame Sally hatte sich des Namens ihres schändlichen Gatten entäußert und den ihres Vaters wieder angenommen. Ihre Kinder erzog'sie, wie eine herzige Mutter und selbst gebildet, versäumte sie nicht, solche mit guten und schönen Kennt­nissen auszustatten und so fand sie das verlorene Glück in der Erziehung derselben, in der Liebe zu ihnen wie­der. Diese wußten von ihrem Vater, den sie niemals gekannt hatten, nicht viel oder gar nichts. Madame Sally zog es vor, den Kindern zu sagen, daß ihr Vater gestorben, als ihre Jugend durch Mittheilung der Wahr­heit noch bitterer zu trüben. Aber, war es nun der Gram dieser entsetzlichen Täuschung, die noch immer aus frischer Wunde an ihrem Herzen blutete, oder war es ein anderer geheimer Kummer, der sie belastete—es