Hctvfclder Anzeiger.
55^4 3» Hersfeld/ den H. Januar. 1860*
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Pxets desselben bei der^Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7^ egr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Post- aufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
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Der Spion Napoleons»
(Fortsetzung.)
Zu beiden Kathegozien gehörten zwei Personen, welche sich in einem bequemen" Winkel des geräumigen Zimmers placirt hatten. Der Eine, ein kleiner, aber ziemlich beleibter Herr, mit rothen, runden Wangen, einer ungemein starken Nase und schlau blinzelnden Au- gen, hieß „Partout", weil er sich dieses französischen Wortes ungemein oft, wo es- paßte, und nicht paßte, bediente; sein wirklicher Name war ab r Kempf. , -
Dieser Mann war vor vielen Jällren einmal in Paris gewesen, und obwohl ihn eine schon bedeutende Franzosenliebe dorthin geführt, so brächte er sie doch noch zum höchsten Grade gesteigert, nach seinem Vaterlande zurück. Alles, was nicht französischen Ursprungs ■ war, hatte für ihn keinen Werth. So enthusiasnürt konnte kein Franzose für seine Nation sein wie Partout es war.
Dennoch erlitt seine blinde, lächerliche Verehrung der Franzosen einen empfindlichen Stoß durch die Ein- quartirung von einem halben Dutzend Kürassieren znr Zeit der Besetzung Berlins durch die Franzosen und wer weiß, ob sich 'Partouts Begeisterung nicht in einen glühenden Haß durch solche brutale Ansprüche an seinen Geldbeutel/ungewandelt hätte, wäre ihm nicht ein noch reichlicher Gewüm aus vielfachen Speculationen, aus dem Ankäufe vieler von den Franzosen in den verschie- . denen gewonnenen Schlachten über die Deutschen gemachten Beute, zugeflossen.
Die andere Person war ein junger Mann von schmächtigem Wüchse, mit einem schönen, edlen Gesicht. Aus seinen Augen leuchtete ein regsamer, lebendiger Geist, sein ganzes Wesen zeugte von einer steten Anspannung, einer unermüdlichen, inneren Thätigkeit, die aber das Feld nicht fand, aus welchem sie sich ihrer Kraft gemäß entwickeln konnte. So zeigte sich denn in den Reden und Gebehrden des Jünglings der unbefriedigte Hang nach Thaten und nicht selten machte er sich in tollen Worten nnd in ausgelassenen Situationen Luft. Dieser Jüngling hatte wie der Erstgeschilderte
'»machte. Vielleicht war es5Ll^ welche die sonst laute und b'ci&gii biners Gefesselt hielt. Zw^ itm
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einen Scherznamen, den ihm seine Bekannten fast immer gäben. Man nannte ihn nämlich den Jakobiner, wegen seiner besonderen Vorliebe für die Revolution oder eigentlich für die Republik; er wollte zwar von den Königen nichts wissen, aber er hieß dennoch weder den Königsmord noch die Hinschlachtung der Royalisten gut. Nichtsdestoweniger gab sich der junge Mann zuweilen das Ansehen eines Eisenfressers, eines zweiten Maral oderRobespierrc, dieses wahnsinnigen Menschenschlächters. , * Diese, beiden Männer iM^wareiixes, welche jetzt cin/cifriges.Gespräch führten/-d>och wa,;^ diesmal ke i- /neswegs die Politik/ we!che. Hezr/IiA,aMd!Lsselben aus- nes Dritten, ge des Jako- Dritte ein höchst schweigsamer und theiliuchich^^Gast, aber eben diese Schweigsamkeit und scheinbare Gleichgültigkeit hatte etwas sehr Peinliches für jeden Anwesenden. Dieser Mann verkehrte seit einigen Monaten sehr fleißig bei Borch- ardt, trank vielen und guten Wein und niemals vermochte der noch so reichliche Genuß desselben, diesem steinernen Bilde ein Wort zu entlocken. Die in einem Weinhanse so charakteristische Gesprächigkeit und heitere Laune fand an diesem Menschen ihr Pendant. Er blieb immer stumm, immer in derselben nicht finstern, aber ruhigen und unbeweglichen Haltung und — trank. Aber er leerte die Flaschen so zu sagen tropfenweise. Man wäre veranlaßt gewesen, ihn für einen Sonderling des nebligen Englands zu halten, wäre durch Borchardt nicht so viel allgemein bekannt geworden, daß er Mörtel heiße und ein Franzose sei. Dem Einflüsse dieses Mannes also war es wohl beizumessen, daß namentlich der Jakobiner, zumal da er noch im ersten Stadium seines Rausches war — denn einen solchen hatte er fast jeden Abend — seine Zunge ein wenig hütete. Denn zu dieser Zeit der jAllmacht Napoleons durfte man ihn in seinem Winkel Deutschlands ungestraft lästern, und der Jakobiner, ehentals des republikanischen Feldherrn größter Bewunderer, war jetzt des Kaisers Hasser und Verächter. Namentlich aber hütete sich Partout, mit dem Jakobiner irgend ein ernstes politisches Gespräch anzu- knüpfen, er würde vielmehr dessen Gesellschaft ganz
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