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Str. 91. Hers selb, den 12. November. 1859*

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs unb Sonnabends. Preis dessel­ben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Post- aufschlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 -Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Seine Königliche Hoheit der Kurfürst gaben allergnädig geruhet.

dem Feldwebel im 1. Infanterie-Regiment (Kur­fürst), Johann Adam Fingerling, die erledigte Hospitals- Gegenschreiberstelle zu Merxhausen provi­sorisch zu übertragen, und den Hauptmann Schindler vom 1. Infanterie- Regiment, Kurfürst, mit Pension ausscheiden zu lassen.

Die Harlemer Leufelsspitzen.

Von S. Götschenberger

- Gewiß schon häufig hast Du, lieber Leser, an trüben Februactagen, wenn der Nordwind die Schnee­flocken an's Fenster treibt und der ersehnte Frühling durchaus nicht kommen will, Dich innig gefreut an dem Frühling, den Du Dir selbst im eigenen Gemache ge­schaffen hast, an den prächtigen rothen und weißen Hya­cinthen mit ihrem feinen Wohlgeruche und an den lieb­lichen duc van Toll- und Tournesol Stülpten, ohne, undankbar genug, der Stadt zu gedenken, von der alle diese Herrlichkeiten herkommen. Harlem, wie bekannt, ist immer noch die blumistische Centralsonne, die ihr Licht den kleinen Kometen, den hausirenden Zwiebel­händlern, sendet, obgleich sie auch schon von ihrem al­ten Glänze verloren hat. Ja, die goldenen Zeiten des Tulpenschwindels, der um das Jahr 1636 die sonst so nüchternen Holländer erfaßt hatte, sind nun freilich für immer dahin geschwunden. Man findet es schon jetzt kaum mehr glaublich, daß man eine einzige Tulpenzwie­bel, den sember Augustus, mit 13,000 Gulden, eine andere, den Viceroi, mit 6 Last Getreide, 4 fetten Ochsen, 2 Oxhoft Wein, 4 Tonnen Acht-Gulden-Bier und einer entsprechenden Quantität fetter Schweine, Butter und silberner Becher bezahlte; man hält es bald für ein Mährchen, daß. Harlem allein in einem Jahre l"r 10 Millionen Gulden Zwiebeln umsetzte. Damals blühte es auch auf, seine Einwohnerzahl hatte sich um die Hälfte vermehrt, und seine Industrie, Leinewand­bleiche, Sammet-, Atlas-, Damast- und Silberstickerei und an 2000 Seidenwirkerstühle verbreiteten nie gekann­

ten Reichthum. Jetzt sind letztere bis auf 100 geschmol­zen, und außer seinem Rathhause, dem Prinzenhof, der Stadtbibliothek und seinen hübschen Anlagen bietet es- dem Reisenden wenig Interessantes.

Wir fiel bei einem Besuche Harlems Zweierlei auf; erstens eine Gruppe alter Ulmen, die so struppige, ver­schlungene und verzerrte Wipfel gen Himmel streckten, daß ich die Aeußerung nicht unterdrücken konnte, es scheine, die Bäume seien verkehrt, mit den Wurzeln nach oben,-vor Jahrhunderten gesetzt worden und dann doch wunderbar sorrgewachsen; dann wunderte ich mich, vor den Fenstern verschiedener Häuser Stickereien ausgehängt zu sehen. Man erklärte mir, es sei ein alter Gebrauch und geschehe in jedem Hause, indem ein Kind das Licht der Welt erblicke; über den Grund dieser alten Sitte, wußte mir aber Niemand etwas Näheres mitzutheilen. Es sei geschehen, um den spanischen Soldaten diejenigen Häuser zur Schonung zu bezeichnen, in denen Wöchne­rinnen sich befanden, meinte mein Begleiter. Ein alter Harlemer Gärtner erzählte mir aber später bei einem Gläschen Genevre die wahre Bewandniß, die es mit dem Entstellen dieser Sitte hatte, und ich will sie dem geneigten Leser nicht vorenthalten.

Die Holländer hatten gegen das Ende des 15« Jahrhunderts in den meisten Städten Reden-Rijchkers» Kameren, d. h. Gesellschaften von Rednern und Richtern, die aus den Witzköpfen des Ortes bestanden und bei allerlei Gelegenheiten, wie Hochzeiten, Kindtaufen rc. Reden und Gedichte verfaßten. Ja, sie wagten sich so­gar an dramatische Arbeiten, und man erzählt (freilich steht's wie Ironie aus), daß eine holländische Schau­spielergesellschaft im Jahre 1526 nach Hamburg kam und durch Aufführung trefflicher Stücke den Geschmack der'Deutschen verbesserte.

Nun war der Bürgermeister von Harlem ein rei­cher, angesehener Mann, der nicht, wie seine entarteten Nachkommen, blos Geld zusammenscharren, sondern auch des Lebens froh werden wollte. Vorzüglick war er ein Gönner der Schauspieler seiner Stadt, die aus den jun­gen Leuten der besten Erziehung bestanden, und die er oftmals zu sich lud, um nach einer Maylzeit die neue­sten Stücke aufzuführen, wozu er so geheimnißvoll zu lächeln, wohl gar einen Vers eher, als der Schauspieler,