Hersfelder Aiizcigcr.
Wr4 8«. Her-feld, den 26. Oktober. L8SN.
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis deffel- ken bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7£ Sgr. ; bei den Postanstalten kommt der übliche Post- «ufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden aufgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Kammek-»ener und Veibhufar.
Baron von Dietrich, ein junger Lebemann der berliner Aristokratie znr Zeit der letzten Regierungsjahre Friedrichs des Großen, saß an einem sonnenklaren Julimorgen des Jahres 1774 in einem schwellenden Seiden- polster seines zierlich ausgestatteten Cabinets und stützte verdrießlich den schönen Lockenkopf auf den Arm. Der feurige Schein, welchen die rothen Damastvorhänge über sein Antlitz verbreiteten, verlieh diesem etwas Dämonisches. Ein Romantiker, den Baron so sehend, würde ihn einen schönen Teufel genannt gaben. Der junge Edelmann runzelte die Stirn und ballte die auf einem zerknitterten Briefe ruhende Faust.
„Schändlicher Bube!" knirschte er plötzlich auffahrend und schlug mit solcher Gewalt auf den Tisch, daß der Schall donnernd durch die benachbarten Räume flog.
Ein Geräusch entstand im. Vorzimmer, die Thür des Cabinets ward geöffnet und die schlanke Gestalt eines nicht mehr jungen Kammerdieners schlüpfte eilig herein.
Baron Dietrich war bereits wieder in sein voriges Sinnen zurückgesunken und bemerkte den Eintritt des Dieners nicht, so daß dieser sich durch Räuspern bemerkbar machen mußte.
„Was willst Du!" herrschte der Baron ihm mürrisch zu.
Mely aber war keiner von den Bedienten, die sich durch Barschheit ihrer Gebieter leicht schrecken lassen. Ein ehemaliger Chorist der italienischen Oper in Berlin, auf welche der König große Stücke hielt, hatte er mit seinem zahnlosen Munde und der durch nächtliche Trinkgelage klanglos geworbenen Stimme auch den Leichtsinn und Uebermuth des Komödianten mit in seinen Kammerdienerposten herübergenommen, und eben wegen dieser Eigenschaften, sowie wegen seiner Verschmitztheit und seiner ausgebreiteten Bekanntschaft unter den hübschen Damen der verschiedenen Hoftheatergesellschaften, hatte Baron Dietrich ihn engagirt.
, hiesig paralysirte den düstern Blick seines Herrn mit seinem feinen Lächeln.
, //Sie klopften etwas unsanft, gnädiger Herr, und ich glaubte, es gälte mir," sprach er artig.
„Nein!" erwiederte der Baron kurz.
Melly sah ihn scharf an.
„Ew. Gnaden sind verstimmt."
„Was gehts Dich an!"
viel", entgegnete Melly zutraulich. „Bin ' 4 nicht isw. Gnaden Kammerdiener, um Ihr Leben zu erheit-""" nhv, wenn das Gewitter in Ihrem Gehirn nun eim. sich mit Blitz und Donner entladen müßte, es willig auf meine Haut zu nehmen?"
Der Baron warf einen besänftigten Blick auf den Diener, den Melly verstand.
„Was gilts", fuhr er, dadurch kühner gemacht- fort, „ich kenne die Ursache des Zornes, welcher in Ihnen tobt, gnädiger Herr?"
„Bah, was weist Du Melly!"
„Alles gnädiger Baron! Der Herr Marquis von Choisy, Ew. Gnaden stolzer Stiefvater..."
„Schweig von dem Menschen!" unterbrach ihn der Baron barsch.
„Sehen Sie, ich Habs, gnädiger Herr!" fuhr Melly fort, ohne sich beirren zu lassen. „Ich würde gewiß nicht wagen, mich in Dero Familienangelegenheiten zu mischen, wenn mich nicht der glühende Wunsch beseelte, Ew/ Gnaden als treuer Diener zu Gefallen zu leben und — Verzeihung gnädiger Herr! — wenn es sonst einen Menschen gäbe, der Ihr Vertrauen verdiente und mit wirklicher Theilnahme Ihr Interesse verträte."
Der Baron seufzte '
„Recht von der Leber gesprochen, Herr Baron, ist der Marquis von Choisy, trotz seiner angeblichen link- seitigen Abstammung von Karl Martell, ein ruhmrediger, windiger Franzose, den die verschwenderische Gunst unseres großen Königs nach Deutschland lockte, der seinen ägyptischen Fleischtopf auf Ew. Gnaden Erdschlüsse fand, indem er Ihre Mutter bethörte, Um zu heirathen, und die Gute in die Gruft ärgerte, als er ihr Gold erschnappt hatte."
' „Leider hast Du Recht!" murmelte der Baron.
„Und jetzt schneidet er Ihnen die Bissen vor, wie ein Harpagon; jetzt wagt er es, Ew. Gnaden vom eigenen Erbe hinwegzudrohen, wenn Sie nicht wie ein Schulbube seinen pariser Launen fröhnen; jetzt tritt er