Hcrsfcldcr Anzeiger.
Nr* W. Her-feld, den 24. September. 1859+
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Der Kirchner von Sanet Wank.
Wenn Du, lieber Leser, einmal auf einer Reise nach der großen Weltstadt London nach einer seekrank zugebrachten Nacht Dich endlich auf der Themse schaukelst und zwischen taufenden großer und kleiner Dampf- und Segelschiffe hindurchsteuernd, Gravesaud, Blackwall und Greenwich mit seinem prächtigen Hospital passirt hast und Dich kaum zu fassen weißt ob des überwältigenden Eindrucks, den dieses nie geahude Leben, das betäubende Rauschen des Marktes, „wo vier Welten ihre Schätze tauschen", auf Dich ausübt, dann wird plötzlich ein im Sonnenschein weithin leuchtendes goldenes Kreuz und darunter eine großartige Kuppel mit corinthischer Säu- lenpracht Deine volle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Du erblickst den Tempel, den nur einer in der Welt, die St. Peterskirche zu Rom, au Pracht und gewaltigem Formen übertrifft — nämlich die St. Pauls- kirche zu London. Juigo Jones, der genialste Architekt, den England je gesehen, der berühmte Wiederhersteller griechischer Palläste, der Zauberer, der die Masken Ben Jonson's am Hofe Jakobs und seines noch prachtlieben- deren Sohnes Karl in nie gekannte Feenherrlichkeit einkleiden konnte, ist ihr Erbauer. Die Kirche, steht auf derselben Stätte, wo zur Römerzeit ein berühmter Diana- tempel stand. Der große Brand Londons zerstörte auch die Paulskirche und die kostbaren literarischen Schätze, die ihren weitläufigen Gewölben anvertraut waren, aber sie hob sich schöner aus der Asche. Ihre Gänge dienten früher mancherlei Abeutheureru als Rendezvous, jetzt aber siebt man nur Andächtige dort oder neugierige Fremde, welche die Mausoleen englischer Kriegshelden umstehen.
An einem Sonntage des 1522. Jahres, unter der Regierung des prachtliebenden Königs Heinrich VIII., als noch dieser schöne Tempel dem katholischen Kultus diente, waren seine ungeheueren Räume unzureichend, die dahin strömende Menschenmenge zu fassen. Eiuen solchen Zauber auf das Publikum konnten doch die allerdings vorzüglichen Sänger, die Paulskinder (die besten Stimmen, die im ganzen Lande gepreßt wurden) nicht ausüben, nock auch die Gegenwart des Cardinais Wol- sey, der in eigener Person das Hochamt abhielt, noch
endlich der vollkommene Ablaß, der mit großen Buchstaben an den Kirchenthüren verkündet war. Es war eine viel bedeutendere Persönlichkeit, als der mächtige Cardinal, dessen Gegenwart im Tempel so viele Neugierige hinlockte: Karl V. Der römische Kaiser war auf Besuch in England, um persönlich um dessen Beistand zum bevorstehenden Kriege gegen Frankreich zu werben. Wie man sich erzählte, waren seine Bemühungen auch nicht erfolglos- geblieben. Das Versprechen: England seine verlorenen Besitzungen in Frankreich wieder zu schaffen, vor Allem aber die dein Cardinal gegebene Zusage: die nächste Papstwahl im Conclave auf ihn zu liiteir, hatten ihm die englische Alliance gesichert und ein Krieg gegen Frankreich stand in naher Aussicht. Die Veranlassung aber, weshalb der Kaiser dem Hoch- aiute in der Paulskirche beiwohnte, war nicht minber merkwürdig, als seine Gegenwart selbst; denn heute sollte dort von der Kanzel verkündet werden, daß der heilige Vater feinem treueften Sohne Heinrich von England, dessen vom heiligen Geiste eingegebene Abhandlung über die sieben Sacrameute er sich im vollen Con- sistorio hatte präscutireu lassen, zur Belohnung seines Eifers für die Kirche gegen die Irrlehren eines dentschen Mönches Namens Luther, welcher den Lieblingsschrift» steiler des Königs, Thomas Aquinas, so verächtlich behandelt hatte, den Titel eines „Vertheidigers des Glaubens" gegeben habe.
Während in: Innern der Kirche diese rauschende Feier vor sich ging, war man auf den hohen Zinnen des Tempels ebenfalls beschäftigt. Dort wurden Fahnen entfaltet und Ampeln aufgestellt; denn noch desselben Abends sollte zur Verherrlichung der Feier eine Prozession mit 500 Fackeln, Musik und Gesang um die Zinnen der Kirche sich bewegen, was sonst nur ani Feste der heiligen Katharina zu geschehen pflegte.
Im oberen Theil des Friedenstempels vernahm man das Fluchen und Schelten der Arbeiter, die, sich gegenseitig hindernd, durcheinander wogten, oder rathlos dastandeu, weil die Oberleitung fehlte; denn der Kirchner der Panlskirche war von einem Wachtmeister de« königlichen Garde, die Karl V. das Geleite von WindsV! nach London gegeben hatte, zu einer Besprechung nur sein Zimmer abgerufen worden. Wichtig mußte diese