Hcröfelöer Avzelgcr.
Wr> V4. HerSfeld, den 14. September. 185&+
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis bejicl» den bei der Expedition (Neumarkt Nr, 587) pro Quartal 7z Sgr.; oei den Postanstalten kommt der übliche Post- aufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Die JohanniSnacht.
Ein Waldbild von ?. R. (L. W.).
(Fortsetzung.)
„Nieder, nieder, — bückt Euch!" sprach erschrocken Konrad, indem er sich duckte und dicht an den grünen, Zweigreichen Zaun sich drückte. Wir thaten es ihm nach, denn auch wir sahen jetzt, was Konrad zuerst gesehen hatte, -T- wir sahen den Schulmeister, in dessen Hand die Thurmschlüssel klimperten. Gerade durch un- str Niederducken und Andrücken an den Zaun, wobei ein Rascheln entstand, mochte der Schulmeister aufmerk- sam geworden sein. Er blieb stehen, sah nach uns hin, lief aber in diesem Augenblicke auch schon weiter, schnell nach der Kirche zu. Kaum waren wir eingetreten in den Garten, da erklang vom Thurme die Sturmglocke.
„Das ist bös, bös", hob Konrad an, als wir unter den breitästigen, dunkelen Obstbäumen standen. „Sollen wir warten oder gehen? Hat uns der Schulmeister erkannt, so dürfen wir nicht warten, denn er wird wie- derkommen, wird uns nachspüren; gehen wir aber..."
„Können nicht gehen", versetzte rasch sein Kamerad, ,eS ist zu hell, zu viel Menschen laufen hin und her, man wird uns erkeinnen."
Konrad schwieg, als sei er nicht einig mit sich. Er ging ein Stück tiefer in den Garten hinein, wo die Bäume weniger dicht standen. Mehr nach dem Thurme, als nach den: Feuer sah er hin, denn auf dem Thurme machte die Sturmglocke eine Pause.
Da plötzlich kehrte Konrad schnellen Laufes zu uns zurück.
„Er spionirt, er guckt zum Schallfenster heraus, unverwandt nach unserm Schlupfwinkel her", erklärte Konrad, „ich fürchte, daß er von oben her uns bemerkt, — wir müssen fort, fasse an, Franz, sobald er wieder stürmt, dann schnell fort!"
Sie ergriffen d'e Trage, wir standen marschfertig, wir warteten auf den neuen Glockenschlag, warteten wohl einige Minuten lang, und endlich ertönte er. Rasch gings nun fort, das Zaunloch war durchbrochen, wir gingen in der grünen Gasse.
Dennoch, als wir an das nächste Quergäßchen kamen, trat der Schulmeister hervor, der einen Andern an die Glocke gestellt hatte.
„Guten Morgen, Ihr Herren!" sagte er mit starker Stimme, „woher kommt Ihr denn schon so früh? gewiß aus dem Walde, — und so heimlich, — das muß ein derber Rehbock sein, den Ihr da traget."
Da zerrte er auch schon an der Leinwanddecke, — die Träger konnten es ja, da ihre Hände nicht frei waren, gar nicht verhindern, — ich aber, was sollte ich thun?...
„Um Gottes willen!" schrie der Schulmeister, als die Decke siel, „das ist ja Meister Haferkorn! — und todt, in die Brust geschossen?"
Er schreckte zurück vor dem Leichnam, er lief davon, ich weiß nicht, wohin, ich weiß nur, daß Konrad und Franz die Trage niedersetzten und der Erstere mit einem Schrei die Hände vors Gesicht legte und nach einer Weile ausrief: „O großer GottI"
Franz redete ihm zu, er möge sich, da nun Alles verloren sei, doch beruhigen und den Leichnam mit ihm nach Hause schaffen.
Aber Konrad antwortete nicht. Er stand noch immer mit bedecktem Angesicht, und schüttelte, da Franz von" Neuem ihm zuredete, das Haupt. Mir ward es ganz schwarz vor den Augen, ich hatte Konrad's Gesicht noch nie so betrübt gesehen, als ich es jetzt sah, wo er endlich, nachdem wiederum einige Minuten vergangen waren, die Hände von dem Gesichte herabgleiten ließ. Er nahm die Leinwand und bedeckte den Todten. Aus einen Wink faßte Franz die Trage. Unter dem Leuchten des Feuerscheins gings wieder vorwärts.
„Rechts, rechts! Wohin willst Du denn?" rief Franz, als Konrad links am Ende der Gasse einbog. „Hier kommen wir nach dem Herrengute, nicht nach bem Hause, wo Dein Vater wohnt."
„Er wohnt nicht mehr, — ich will nach dem Her« rengute, will zur Herrschaft", versetzte Konrad. „Rede mir nicht drein, Franz, so oder so, es ist nichts mehr zu hoffen, aber den Versuch will ich doch noch wagen, will es thun meines Vaters wegen."
„Und was willst Du denn thun ?" fragte Franz.
„Mich selbst anklggen, Alles offenbaren vor der