Hcrsfelber Anzeiger. L
Mp. VI. Hersfeld, den 3. September. 185®>
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Die Bohannisnacht.
Ein Waldbild von L. R. (8. W.).
(Fortsetzung.) •
Er zog an seiner Werkstätte den Zwirnkasten heraus. Das Einschlagemesstr,. das er hier hervorlangte, hatte ich noch nie gesehen. Es war neu und blank. Er bog es auf, besah es mit Wohlgefallen, probirte die Schneide, indem er leise den Daumen darüber hinlsu- sen liest
„scharf, scharf", sagte er nach mir hin, „Habs tüchtig geschliffen. Wunderst Dich über das schöne Messer, Fritz? 'S ist ein ganz neues, Habs gekauft, Fritz, denn ein Messer, mit dem man die Wünschebruthe schneidet, darf man zuvor nicht im Gebrauch gehabt haben. Und scharf muß es sein, Fritz, sehr scharf, mit dem dritten Schnitt muß die Ruthe am Boden liegen. Vergiß nur das Schweigen nicht auf dem Hin- und Herwege, und nun gehe hinaus in die Kammer, und ruhe."
Er legte das Messer auf den Tisch, daneben die Nankingmütze, auch seinen Stock brächte er herbei, und stellte ihn an den Tisch. Ich ging hinaus in die Kammer, wie er mich angewiesen, während er selbst in der Wohnstube blieb und sich auf das ärmliche Sopha streckte.
„Ziehe die Kleider nicht alle aus, nur den Rock", rief er mir noch nach, „anch lege Dich nur leicht hin aufs Bett, micht hinein, damit Tu nicht heiß wirst. Die Nachtluft draußen ist kühl, Du sollst mir nicht krank werden. Und nun bete, — es giebt Viele, die nicht beten, traurige Wirthschaft!!"
Er selbst betete draußen jetzt laut. Auch ich sprach meinen auswendig gelernten Abeudsegen, wie ich ihn beim Schlafengehen stets hersagen mußte. Dann wurde es still. Schlaf kam erst lange nicht in meine Augen. Der geheimnißvolle Gang in den Wald, der mir be- vorstand, nach kurzer Zeit, das blanke, neue Messer, das gebotene Schweigen, das Schneiden der Wünschel- ruthe, die Stunde der Mitternacht, in welcher es geschehen sollte: Alles beschäftigte meine Kinderseele bunt und tief. Späterhin aber hatte die Natur ihr Recht behauptet, ich war eingeschlafen. Auch mußte mein
Schlaf ziemlich fest gewesen sein, denn ich erwachte nur dadurch, daß der Vetter mich rüttelte.
„Steh auf, Fritz, 's wird nun Zeit", mahnte er. „Du hast gut geschlafen, ich schloß kein Auge, traurige Wirthschaft. Es ist mit mir wirr um- und umgegan- gen, — weiß selbst nicht, was. Hab keine Ruhe gehabt im Liegen, hab keine gewonnen, wenn ich aufstand und umherging, — immer beklommen, immer ängstlich dabei. Komm, Fritz, trinke ein Schälchen Kaffee, das wird gut sein für die Nachtluft. Hab Dich schlafen lasten, bis der Kaffee fertig war, aber nun mußt Du auf! Munter, Fritz, munter!"
Das ward ich nun auch. Als ich in die Wohnstube trat, setzte ich mich sogleich an den Tisch, aus welchen der Vetter bereits unsere zwei Tassen gestellt hatte. Der Vetter war draußen vor dem Kamin, wo er den Kaffeetopf aus den Kohlen zog, und rief durch die os- fenstehenve Stubenthür mir zu: „Schon gewaschen, Fritz? traurige Wirthschaft!"
Hatte ichs vergessen, oder war ich der Meinung, daß das Waschen, wenn man vor Mitternacht schon aufs steht, nicht nöthig sei; ich weiß es nicht. Schnell aber holte ich das Versäumte nach. Der Vetter goß im Kamin die Kohlen aus, dann tranken wir Kaffee.
„Die Aengstlichkeit will noch immer nicht nachlassen in mir", sprach der Vetter. „Was ich vorhabe, ist doch nichts Böses. Warum mag ich wohl ängstlich sein, Fritz?»
„Ich weiß es nicht, Herr Vetter", antwortete ich „Sie haben nicht geschlafen, daher mags kommen."
„M konnte nicht schlafen, weil ich ängstlich war", verbesserte er meine Antwort, „und auch der Kaffee schmeckt mir nicht, weil ich ängstlich bin und beklommen." —
Er setzte die Tasse auS der Hand, und seine Hand zitterte. Dann begab er sich in die K'ammer. Es war mir, als falle er nieder auf die Knie. Nun betete er laut und lange. Mir gings fromm durch mein Herz, ich faltete die Hände.
Als er herein kam, sprach er: „Fritz, ich bin ruhiger, die Aengstlichkeit weicht, mache Dich nun fertig."
Schnell wusch ich die Tassen aus uud stellte sie an ihren Ort. Nun zog ich mein Nockchen an und die