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Hersselber Anzeiger.

Sr*. VV. HerSfeld, den 31. August. 1859*

Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis dessel­ben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7.| Sgr.; vei den Postanstalten kommt der übliche Post- aufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Die Johannisnacht.

Ein Waldbild von L. R. (L. W.).

(Fortsetzung.)

Auch jetzt sah ich öfterer hin nach dem Winkel, wo die blanke Doppelstinte Konrad's lehnte, und als Marie mir das Gesangbuch gab, um es zurückzulegen in das Wandschränkchen, aus welchem ich es kurz vorher gc- nommen, blieb ich vor dem Winkel stehen, betrachtete die Flinte und trat näher und näher hinzu. Gar wohl that es mir, indem ich jetzt die warme Hand über den blanken, kühlen Lauf herabgleiten ließ, und ein wunder­bares, angenehm schauriges Gefühl durchrieselte mich, wenn ich oben nach der Mündung sah, aus welcher, wenn der Jäger es wollte, der Tod herausfahren konnte, feu­rig und unaufhaltsam.

„Willst auch ein Jäger werden, Fritz?" fragte lä­chelnd die schöne blasse Marie.

„Das fehlte noch", antwortete mißmuthig mein Vet­ter, „ein Jäger werden wie Der hier, traurige Wirth­schaft! — dann herrschaftlicher Bursche, wöchentlich für zwölf Groschen, dann heirathen wollen, Rechnungen be­zahlen, kein Geld, dann heimlich einen Hirsch..."

„Nicht wahr, Du thust es nicht, Konrad?" fragte er schnell, und schritt mit dem langen, hageren Beinen durch die Stube, und rief mir dann eben so schnell zu: „Marsch da! weg von der Flinte, Du kommst zur Na­del; ich kenne das Holz, aus welchem der liebe Gott einen richtigen Schneider schnitzt!"

Da wich sein Zorn, den ja seine Gutmüthigkeit niemals lange festhalten konnte, wich jetzt durch eine rasche Gedankenverbindung; denn mild fuhr er fort- »5$ kenne auch das Holz, aus welchem man die Wün- schelrnthe schneidet, Haselnußholz muß es sein, nicht gar zu oft, nach Osten hin muß der gabelförmige Wuchs stehen; Glaube, Gebet, Johannisuacht."

Kinder'-, setzte er liebevoll tröstend hinzu, „Kinder, sorget nicht, ich schaffe Wasser!"

klopfte es. Die Thür öffnete sich, herein trat Amtmanns und sagte an, „daß die ^ ke dNutter Susanne Geiler mit Tod abgegangen sei, Haus, Garten und Kuh nun der Jungfer Marie zuge­

schrieben und gleichzeitig auch der Kostenbetrag an sieben Thalern dreizehn Groschen zwei Pfennigen abentrichtet werden müsse."

Der Schreiber empfahl sich, mein Vetter seufzte: „Traurige Wirthschaft!" Konrad nahm rasch seine Flinte, ging znr Marie und sprach: „Kümmere Dich nickt, es ist Alles vorgerichtet, die Kuh hat zu fressen, vor Abend komme ich wieder her."

Als er hinaus war, warteten wir noch eine Weile. Der Vetter ermannte sich von dem Schlage, den die neue Ausgabe ihn» versetzt hatte. Er tröstete, er sprach von den: erhöhten Werthe des kleinen, verschuldeten Grundstücks, sobald nur erst Wasser vorhanden sein würde. Als dann später das kleine Lanfmädel kam, welches Konrad zur Bedienung Marien's eingestellt hatte, schickten auch wir uns an zum Fortgehen."

„Ich weiß nicht, ob Du genierst hast, Marie, was Konrad thun will", hob mein Vetter noch an. „Magst es gemerkt haben oder nicht, — traurige Wirthschaft! Rede ihm nur zu, wenn er kommt, rede ihm zu, er solle nichts Böses thun. Hörst Du, liebe Marie?"

Marie erhob sich und sagte, indem sie des Vetters Hand ergriff, lächelnd und mit Zuversicht: „Konrad kann nichts Böses thun."

„Das gebe Gott, Amen", erwiederte mein Vetter und ging mit mir mir bis zur Thür. Da aber kehrte er rasch noch einmal aus Bett zurück mit den Worten: „nichts Böses, das behauptet Konrad auch, aber es giebt eine Grenze zwischen Gutem und Bösem, die ist schmal wie eine Naht, wie eine Seidennaht. Gesetzt, es wäre nichts Böses, würde es doch gut, rechtlich, ehrbar, ge­setzlich sein? — traurige Wirthschaft, rede ihm nur zu, liebe Marie, und sei getrost, ich schaffe Wasser!"

Nun gingen wir. Der Vetter nahm mich wieder an die Hand, wir erreichten das kleine weiße Haus, in welchem wir, eine Treppe hoch, zur Miethe wohnten. Eingetreten in die Stube, bestieg mein Vetter die rein­liche Schneiderwerkstätte, nicht um zu arbeiten, — das that er Sonn- und Feiertags nie, — sondern um die Fenster zu. öffnen. Die größte Hitze war vorbei, es mochte gegen Abend zwischen fünf und sechs Ubr sein. Die milde Johannisluft, durchdrungen von dem Duften der Weinblüte, welche von den Reben, womit die Haus«