Hersfelder Anzeiger.
Mp. «8. Hersfeld/ den 24. August. 1859t
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Die Johannisnacht.
. Ein Waldbild von L. R. (L. W.).
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I.
Gekommen war der Johannistag. Blau, wie die blühenden Feldglocke», wölbte sich der Himmel. Auch er sah aus wie eine Glocke. Und eigentlich war er es ja, und jeder Johannistag ists, — denn der Hammer der Zeit schlägt da die Hälfte auf der Glocke des Jahres.
Zu diesem Glockenschlage wirds immer recht feierlich in Feld und Wald, in Kirche und Haus, selbst auf den "Gottesäckern. Auf letzteren schmückt man jetzt fast überall die Gräber mit aufbrechenden Rosen, mit all den Blumen, wie sie die schöne Jahreszeit giebt.
Damals, als das geschah, was ich erzählen will, war der sinnige Gebrauch, an diesem Tage die Gräber der theuren Todten zu schmücken, noch nicht eingeführt. Aber Feld und Wald standen grün, Blumen gabs schon in Menge, und in den Gärten brachen 1 die Rosen auf. Auch auf dem Gottesacker stand ich. Nicht, um ein Grab zu schmücken, war ich dahin gegangen, sondern um mitzusingen an einem noch leeren Grabe, das aber bald sich füllen sollte mit dem Sarge, vor welchem ich eben mitsingen mußte.
Und das Grab füllte sich. Man zog die zwei Tod- tenseile herauf, und noch ehe der sägende, surrende Ton zwischen Sarg und Seil verklungen war, nahm der Schulmeister seinen Hut ab, die Knaben ihre Mützen, aber der Todtengräber und die Männer, welche mit den Seilen noch beschäftigt waren, behielten ihre Hüte auf den Köpfen. Auch ich hatte meine Mütze noch nicht abgenommen. Ich guckte hinunter auf den Sarg, und dachte an all die Aepfel und Kuchenstückchen, welche mir die alte, gute Susanne, .die jetzt begraben wurde, gegeben^ hatte, obgleich sie selbst sich kümmerlich behelfen mußte, während sie lebte.
, Ich weiß nicht, ob ich ihr noch dankte, aber trau- rtg war ich, das weiß ich gewiß, so traurig, wie es eben ern neunjähriger Knabe sein kann beim Tode einer alten
^lche ihm öfterer einen Genuß für Gaumen und Magen bereitete. Wahrscheinlich zog ich auch eine
Gleichung zwischen Arm und Reich, denn ich erinnere mich deutlich, daß der Gedanke mich tröstete: die alte Susanne ist nun in den Himmel eingegangen, wo die Armen es so gut und noch besser haben sollen, als die Reichen.
Daß dieser tröstende Gedanke wirklich durch meinen kleinen Kopf ging, ist mir deshalb so treu im Gedächtnisse geblieben, weil mich mitten in dem Gedanken Etwas auf den Kops oder vielmehr auf die Mütze tippte. Es waren zwei oder drei Finger von der Hand meines Vetters, der sich dem Grabe genähert haben mochte schon während des Gesanges oder der Einsenkung des Sarges.
„Die Mütze ab, Fritz!" sagte ernst der lange, ha, gere Mann. „Und Andere könnten ihren Filz auch abnehmen, — traurige Wirthschaft!"
Diese letzteren Worte richtete er nach dem Todtengräber und den Männern hin, welche diesem halfen, und mit bedeckten Häuptern die heraufgezogenen Seile zusammenrollten und dieselben dann auf die Todtenbahre legten.
„Traurige Wirthschaft!" fuhr er jetzt gegen den Schulmeister fort, „warum kichert Er hinter seinem Hute? Er hat den Filz wohl abgenommen, Er hält ihn vors Gesicht, wie sichs ziemt im Gebet, aber — traurige Wirthschaft! Warum kichert Er in den Hut hinein?"
„Der Schulmeister ist schuld an Allem", murmelte der Todtengräber, „der hat seinen Hut schon abgenom- men, als wir noch gar nicht heraus waren mit den Seilen. Das gehört sich nicht. Aber's ,ist eine Achtgroschen- leiche, eine Armenleiche, da macht ers immer so..Z
„Kann nicht zeitig genug an den Spieltisch kommen, nicht zeitig genug in die Schänke", fiel lächelnd Einer der Männer ein; „wärs eine Thalerleiche, hätte er schon gewartet, bis wir fertig waren."
„Traurige Wirthschaft!" seufzte der Vetter, und hielt wie drohend oder strafend seine verschlossene Nankingmütze die er bis dahin in den Händen gedreht, empor vor des Schulmeisters Gesicht, der hinter dem Hute noch immer ein boshaftes Lächeln verbarg.
„Pfui, pfui, sylch traurige Wirthschaft hinter dem Hute!" versetzte der Vetter, „Wölfe in Schafskleidern! Falsche Propheten in Hut und Mantel, dicke Herren voller Tücke!" ■