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Hcrsfeldcr Anzelgcr.

^r> 61» Hersfeid, den 30. Juli. 1859♦

Die Belagerung von Wittenberg.

(Fortsetzung.)

Am 9. April mußten alle Bewohner bei schwerer Strafe angeben, wie viel Korn, Mehl, Fleisch, Bier, Branntwein, Wein oder Rum sie noch besäßen, mrd wo irgend ein erklecklicher Vorrath war, ward er genommen; ebenso alle Schießwaffen. Inzwischen kamen die Preu­ßen und Russen, welche die Belagerung betrieben, immer näher; die Communication hörte fast ganz auf und ver­schiedene Nahrungsmittel waren kaum noch zu bekommen. Trotzdem weigerte sich der Gouverneur, die Soldaten anstart von den verarmten Bürgern, aus den vollen Magazinen verpflegen zu lassen. Er verkaufte aber wirk­lich, um sich zu bereichern, Mehl aus den Magazinen, den Centner zu 6 Thaler.

Von den Franzosen desertirten ganze Züge; die Kranken mehrten sich in den Lazarethen, und da es an Strohsäcken fehlte, wurden solche den Einwohnern ohne Weiteres genommen. Ferner mußten die Einwoh­ner der größeren Häuser diese zwangsweise verlassen, weil man Casernen daraus machen wollte. Am 21. April ward aller noch in den Kellern befindliche, für den Verkauf bestimmte Wein für die Soldaten coufiscirt.

Damit diese gebietenden Herren ihn auch hübsch beqüem genießen konnten, raubte man den Wittenbergern Tische und Stühle. Die Soldaten wurden in den Quartieren immer unverschämter, und wenn ihre Wirtye aus Armuth nichtgenug Fleischsuppe k. geben konn­ten, tractirten sie dieselben mit Prügeln. Weil die Noth mehr und mehr stieg, so ordnete der rohe La Poype an daß 2000 Einwohner aus der Stadt getrieben werden sollten. Sie gingen am Bettelstäbe. Was sie thun mußten, thaten französche Soldaten, darunter viele Polen, freiwillig: sie desertirten fortgesetzt, weil sie den Lügen des^ La Poype nicht mehr glaubten.

Am 6. Mai wurde wieder eine Häuserreihe vor­sätzlich niedergebrannt, ohne daß vorher deren Bewohnern eine Warnung ertheilt worden wäre., All ihre bewegliche Habe ward vernichtet und zwei Personen verbrannten in ihren Gemächern. In der nähern Umgebung Witten- bergs^ raubten indeß die durchziehenden, nach Schweidnitz maschireuden zahlreichen Truppen Victor's, welche das schwache Belagerungscorps nicht anzugreifen wagte, den Bauern alles Vieh, zerschlugen alle Fenster, benutzten alle ^.yore, Thüren und Fensterrahmen zum Wachtfeuer.

* Am 17 Mai wurde in Witwuberg ein Bauer ge­henkt, weil er einen Franzosen, der in seinem Hause

raubte und sein Weib maltraitirte, in der Verzweiflung erschlug.

Am 18. Mai brachen Franzosen in die Keller der benachbarten Weinberge, berauschten sich und zerschlugen dann die Fässer, mii~ das, was sie nicht zu vertilgen vermochten, in den Sand laufen zu lassen.

Ende Mai war die Stadt Wittenberg durch die veränderte Stellung der Verbündeten von selbst entsetzt, aber die Bedrückungen sollten noch kein Ende haben, Während des Waffenstillstandes im Juni wurde die Stadt von Neuem verproviantirt, um neue Leiden aus­stehen zu können. Der scheußliche La Poype setzte seinem Kuechtungssysten im Juli die Krone auf, indem er den Bewohnern befahl, den nahenden Kaiser Napoleon feier­lich und jubelnd zu empfangen. Die Geknechteten, Ge> schändeten und Beraubten sollten sich über ihren Betrük- ker freuen, sollten jubeln? Dennoch mußten glänzende Vorbereitungen getroffen werden. Glücklicher Weise verbat Napoleon, nachdenkender, wenn nicht menschlicher als seine Schergen, sich' jede Feierlichkeit, deren er sich hätte schämen müssen. Seine unsterbliche That in Wit» tenberg war die Aufhebung der Universität, aus klein­licher Rache über den Abzug der'Studenten. Die De- putirteu, Professoren behandelte er, wie kurz vorher die der leipziger Universität, schnöde, weil der Wissenschaft« liche Geist seinem Charakter fremd war.

Da schon am 10. Juni der Waffenstillstand wieder aufgekündigt worden war, so begannen die Feindselig­keiten um Wittenberg bald aufs Neue.

Am 12. September ward mich die letzte Kirche der Stadt von den Franzosen als Stall in Beschlag genom, men. Die Sterblichkeit in Folge des eingeschleppten Nervenfiebers stieg, so daß drei Mal so viel Menschen starben, als früher. Geschlagene französische Corps zo­gen sich auf Wittenberg zurück, so daß auf -jedes Haus vierzig bis sechzig Soldaten kamen und fast Hungersnoth eintrat. Marschall Ney führte endlich den größten Theil der Kampffähigen nach Jena ab. Als die Schlacht bei Dennewitz geschlagen war, verlangte La Poype, vermuth­lich um sein Vermögen noch etwas zn verstärken, von der verarmten Stadt 50,000 Thaler Kontribution, wo­rüber die ganze Bewohnerschaft empört war, da das anze Militär, Polen, Portugiesen, Holländer und Fran­zosen, bisher auf Stadtkosten hatte erhalten werden müs sen. Weil nun die, einem Raube sehr ähnlich sehende- Zwangsanleihe des noblen Bundesgenossen verwerger, wurde, so drohte dieser dem Magistrat mit Gewaltt und nur das gerade zu dieser Zeit am 24. September Statt findende Bombardement der Preußen hinderte deren Anwendung.