Hers selber Anzeiger.
#£♦ 58. Hers selb, den 0. Juli. 1859*
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis belieb ken bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7j Sg .; vei den Postaustalten kommt der übliche Post- tusschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller. bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Der Chouan.
Am Ausfluffe der Loire, wo das zerrissene Meeres« ufer mit der Insel Noirmoutiers eine einsame Bucht bildet, stand zu Ende des vorigen Jahrhunderts ein flei ■ ner Meierhof, dessen Eigenthümer, Jacques Brauche, für den kühnsten Royalisten des ganzen Küstenstriches zwischen der Loire und bem_ Lay galt. Wie jeder Vendeer hakte Branche die größte Ehrfurcht vor seinem König, seinem Pfarrer und dem adeligen Grundherrn, auf dessen Gebiet sein Meierhof zinste, und da letztere beiden Herren die ausgebrochene Revolution für ein Werk des Teufels erklärten, bem jeder gute Christ und Unterthan sich mit aller Macht entgegenstellen müsse, so griff Jacques Branche, gleich Tausenden seiner Landleute nach dem erprobten Jagdgewehr, schnallte einen rostigen Läbel um, steckte einige Nahrungsmittel in die weiten Taschen und versprach teiltet jungen Frau unverzüglich zurückzukehren, wenn die Banden Dumouriests über die Loire gejagt oder in den fetten Boden des Bocage ein- gescharrt sein würden. Marguerite besaß die seltene Frauen- tugend, ihrem Manne nie zu widersprechen, dcshlb begleitete sie den Scheidenden bis nach der Gutsgrenze, wünschte ihm Glück und Segen zur Republicanerjagd und kehrte nach der Meierei zurück mit derselben See. lenruhe, als wäre ihr Jacques über Feld gegangen um junge Schweine einzukaufen.
Bald wurde Jacques als ein äußerst kühner und schlauer Parteigänger genannt, und überall, wo eine bedeutende That verrichtet worden, hatte auch er seine Hand im Spiele gehabt, weshalb der Anführer Charette ihn zum Officier beförderte. Diese Ehre aber schien Branche nicht sehr zu würdigen, denn er änderte weder in seiner Kleidung und Bewaffnung, noch in seinem Betragen gegen die übrigen ländlichen Streiter das Geringste, und wenn in den Kriegsoperationen eine Pause eintrat, nahm
Lieutenant seine Flinte auf den Rücken und wanderte der Bucht von Noirmontiers, um seine Aecker zu bestellen oder einzuernten und das Familienleben zu genießen., Marguerite legte bem streitbaren Gatten als« dann die Kerbhölzer vor und gab ihm Rechenschaft über Boden, Stall und Scheuer; wenn aber die Kunde an- »-ßgte, daß die Republicaner ihre Feindseligkeiten aber
mals begonnen, griff Jacques zum Gewehr und zog nach dem Sammelplätze seines Districts, um neuen Äänipfen entgegen zu gehen.
Jahrelang hatte bereits der Vendeerkrieg gewährt, und Jacques Branche's Namen wurde neben denen eines Cadoudal, Stofflet, Charette und Sapinaud genannt, als das Glück den Royalisten gänzlich den Rücken lehrte indem Stofflet's Niederlage und seine Hinrichtung die letzten seiner Getreuen auseinander sprengte. Allerdings waren die Bewohner der Vendee nach vierjährigen blutigen Kampfe desselben müde geworden und da die von allen Sei? ten anrückenden Republicaner jetzt den friedlichen Landmann schützten und seine Sache von der der Insurgenten trennten, so fanden die Truppen nirgend mehr Widerstand.
Als Alles verloren war, wanderte Jacques Branche harmlos nach seiner Meierei zurück, hing die tödtlichen Waffen an die Wand und griff wiederum zum Pfluge, obgleich er im Heere der Royalisten den Rang eines Obersten bekleidet hatte. .Er trug das Bewußtsein in sich, nach dem Rathe seines Pfarrers und des Grund* Herrn, folglich nach dem Willen Gottes und des Königs, gehandelt zu haben und der guten Sache treu geblieben zu sein, so lange es sich nur immer thun ließ. Ob die das Land überschwemmenden Republicaner andere Ansichten über seine Theilnahme am Kampfe haben, und daraus neue Gefahren für ihn entstehen könnten, das küm» inerte Jacques, sehr wenig.
Nirgend hat sich der Parteihaß furchtbarer und blutiger gezeigt als zur Zeit der ersten Revolution in Frankreich. Alle heiligen Empfindungen, die den Men«- schen, mit Gott und Seinesgleichen verbinden, waren ge- lockert und zerrissen, der Vater wüthete im politischen- Wahnsinu gegen den Sohn, der Gatte gegen sein Weib, und jubelnd tauchten Tausende die Hand in das rauchende Blut, welches täglich in Strömen unter dem Beile der Guillotine floß Nicht Alter, nicht Geschlecht, schützte vor der Blutgier des wahnwitzigen Gesindels, welches die Justiz zum scheußlichsten Zerrbiide herabwürdigte, und sogar zwanzigtausend Kinder wegen ihrer aristokratischen Abkunft oder der Treue der Keltern gegen das gestürzte Königshaus, auf dem Blutgerüste oder in den Fluten der Loire sterben ließ. Verrath lugte hinter jeder Thtr, nur zu oft in der eigenen Familie, und ein ein* .