Nr. LS. Hersfeld/ den 29. Juni. 18LS.
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M« -er Grenze.
Novelle von Marie von Noskowska.
(Fortsetzung.) -
In der Stadt angekommen, fragte Franja sogleich nach Georg, erhielt indeß die Antwort, er arbeite auf dem Bureau. Sie besorgte ihre Geschäfte und wartete dann auf der Straße, bis Georg aus der Eanzlei kam.
Er empfing sie eben nicht wie ein ungeduldiger Liebhaber, sondern warf, ehe er sie begrüßte, einen Blick nach der Wohnung des Obersten und des Majors, ob man ihn dort nicht beobachte. Dann versicherte er mit einiger Aengstlichkeit, seine Kameraden würden sich über ihren Bestich wundern, wenn sie etwas davon wüßten, u >d führte sie in ein Hinterzimmerchen des nahen Gast- Hauses, wo er eine Erfrischung für sie bestellte.
Franja begriff ihn nicht; sie hatten sich früher oft mit einander gezeigt, ohne daß irgend Jemand etwas Unzulässiges oder Anstößiges darin gefunden, unb jetzt war er obenein Unterofficier, also ihre Hochzeit nahe bevorstehend. - Auch befremdete sie die Kälte und Zurückhaltung, welche sein ganzes Wesen verrieth; erstaunt und gekränkt fragte sie, was er habe, ob er böse auf sie sei und warum er ihr nicht offen sage, was ihm in Sinne liege, statt sie wie eine Fremde zu behandeln.
Er empfand Unwillen gegen sich selbst und schämte sich, daß er sie so feig verleugnet hatte; allein es war doch nicht ungeschehen zu machen und er hoffte, was oft schon ganz klügeren Leuten passirt sein mag, sich am besten aus der Verlegenheit zu ziehen, indem er die Schuld auf sie wälzte Mir einer Heftigkeit, die anfangs etwas erkünstelt war, in die er sich jedoch nach und nach hineinredete, warf er ihr vor, sie treibe ein falsches Spiel mit ihm — man .habe eines Abends spät ihren Liebhaber in den Garten steigen sehen. Er verlangte seinen Namen zu wissen, um sich an ihm zu rächen «ad war in diesem Augenblicke tief erbittert über den Frechen, der mit ihm zn rivalsiren wagte.
Franja erzählte ihm einfach den Besuch Stojan's mit allein, was sich dabei begeben hatte, nur daß . sie ihres Bruders Aeußerungen über Georg für sich behielt. Sie wunderte sich, daß dieser so leichtgläubig sein und sie für treulos, halten konnte und hatte Lust, ihm dafür
eine tüchtige Strafrede zu halten. Allein seine Eifersucht war ja nur ein Beweis seiner Zuneigung, und weil durch dieselbe zugleich sein früheres Schweigen, wie sein jetziges sonderbares Benehmen erklärt war, so vergab und vergaß sie schnell Alles.
Georg war verwirrt und bat ihr seinen Verdacht ab; er war jetzt wieder herzlich und zärtlich wie sonst, und nahm sich vor, den Damen aufrichtig von Franja zu sprechen, wenn er dazu jemals wieder Gelegenheit haben sollte. Es schien ihm eine Sünde und Schande, daß er sich des hübschen, verständigen Mädchens geschämt — war sie nicht unendlich besser als er mit seinem Dünkel? Dieses Gefühl gab ihm eine Weichheit, die etwas Demüthiges hatte und die Franja an ihm ganz fremd war, welche jedoch das gute Vernehmen zwischen ihnen völlig wiederherstellie.
Der Feldwebel fuhr noch nicht zurück — Franja ging nach Hanse und Georg begleitete sie eine weite Strecke Weges. Er hätte sich gar nichts daraus gemacht, wenn die Majorin und sämmtliche Fräulein ihnen begegnet wären und ihn über seine Verschwiegenheit gerietst hätten, allein zufällig sah und traf Niemand ^>aS Brautpaar, welcher ein Interesse an demselben nahm.
Einige Tage gingen hin, während welcher Georg zu bemerken glaubte, daß man irgend eine außerordentliche Absicht mit ihm habe, oder daß er eine Person von Wichtigkeit sei. Seine Arbeit wurde genauer controlirt, als die der andern Schreiber, der Major knüpfte ein Gespräch mit ihm an, als er ihm einst einen Rapport brächte und sogar der Oberst sah ihn auf der Parade aufmerksam und sehr freundlich an, und sprach darauf von ihm, wie es wenigstens schien, mit dem Bataillonscommandeur. Seine Eitelkeit ward dadurch unendlich geschmeichelt und sein Hochmuth, prägte sich so stark in seinem Benehmen aus, daß seine Kameraden anfingen, ihn unangenehm zu finden.
Eines Vormittags war er eben bamit beschäftigt, die Idee ausznspinnen, daß er bei dem allgemeinen Wohlwollen, welches seine höchsten Vorgesetzten plötzlich für ihn zeigten, doch wohl noch Lieutenant und Franja „Frau Officieritza" werden könne. Sie mußte dann auch einen Haar- und sonstigen Putz haben, wie das älteste her Fräulein, welches ihm stets als Musterbild vorschwebte.