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Nr. 50» Hersfeld, den 22. Juni. 1859*

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Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruht:

dem Dr. meü. Heinrich Wilhelm Helwig aus Oberaula die Praxis als Atzt, Wundarzt Ir. Klasse und Geburtshelfer mit dem Wohnorte Barchfeld zu gestatten.

Mn Set Grenze.

Novelle von Marie von Roskowska.

(Fortsetzung.)

III.

Eine Patrouille kam nahe am Flusst daher und drohte Stojan abzuschneiden. Ihr Führer rief ihn an, indeß hielt er sich mit einer Antwort nicht auf, sondern bemühte sich, die Stelle zu erreichen, an welcher er sei­nen Kahn angebunden hatte, während er sich so viel wie möglich durch Büsche und Bäume deckte.

Jetzt war er am Ufer, band sein Fahrzeug los und sprang hinein. Die Soldaten waren dicht hinter ihm und feuerten ihre Gewehre ab.

In furchtbarer Angst faltete Franja betend die Hände und bemühte sich zu erkeuunn, ob ihr Bruder verletzt sei; allein die Entfernung war bei dem schwachen Tageslicht zu groß.

dem nächsten Tschardak wurden auch einige Schusse abgefeuert und dadurch die ganze Vorpostenkette alarmirt. Doch die Dämmerung gestattete kein genaues Zielen und die Kugeln trafen den Flüchtling nicht, so nahe sie auch an ihm vorübcrflWen.

Nach einiger Zeit sah Franja am bosnischen Ufer ein Feuer auflodern das verabredete Zeichen des glücklichen Entkommens Stojau's.

Stojan that Georg Unrecht, wenn er ihn für wan- kelmüthig und treulos hielt; er liebte Franja immer noch, nur blaßte freilich die Entfernung ihr Bild ein wenig ab. Er war nicht unzuverlässiger, als die meisten Männer, allein er bedurfte der Gegenwart seiner Ge- liebten. Ihm mangelte die Phantasie des Dichters, weiche die ferne Angebetete mehr und mehr idealisirt

und bei dem Gefreiten eines Grenzregiments war das eben kein Wunder, sondern ganz natürlich.

Uebrigens war es ein hübscher, junger Mann von nicht schlechtem Herkommen, dem der braune Waffenrock mit den orange Ausschlägen gut stand und der in der Welt noch eine Carriere machen konnte. Er wußte das Alles sehr wohl mti) war überzeugt, daß eine Menge Mädchen seine Vorzüge ebenfalls erkannten und die glückliche Franja beneideten, Zuweilen bedauerte er die armen Geschöpfe, welche vergebens nach ihm ausguckten, allein er konnte ihnen doch nicht helfen und war sowohl von Frauja, wie von sich selber, zu sehr eingenommen, um sieb jemals in eine kleine Liebelei einzulassen. Sein Stolz hjelt ihn von Allem zurück, was seine Kameraden sich zu Schulden kommen ließen und er befleißigte sich stets eines freien und cavaliermäßigcn Benehmens. Bei seinem natürlichen Verstände und angeborenem Tact ge­lang ihm die Nachahmung der Manieren höherer Stände vortreffl'ch und dies vermehrte das Interesse, welches die Mädchenwelt an ihm nahm; es ist nicht zu leugnen, daß es sein Aeußeres gewesen, welches auf Franja den größten Eindruck gemacht hatte.

Sein Weg zum Bureau führte ihn täglich vier Mal bei der Wohnung des Obersten vorüber und er machte dabei, ohne es zu ahnen, eine ungeheure Eroberung.

Einst brächte er dem Regimentscommandeur Papiere zur Unterschrift und dabei begegnete ihm im Flur eine Dame im rauschenden seidenen Gewände, (mit Shawl und Schleierhnt kurz, gekleidet, wie es ihm als Ideal einer Kleidung für Franja vorschwebte. Die"Hand'salu« tirend an die etirn gelegt, blieb er mit einer Ehrfurcht stehen, wie sie ihm kaum der Negimentsinhaber eingeflößt hätte, und starrte ihr nach, ganz elektrisirt von dem Manschen ihres Gewandes. Sie ließ ihr Taschentuch fallen und schnell eilte er ihr nach, um es auszuheben. E» duftete stark und er war entzückt, es ihr mit einer tiefen Verbeugung überreichen zu dürfen.

Die Dame dankte sehr herablassend und fragte, ob ihr Vater zu Hause sei, ob Jemand bei ihm und noch einiges Dergleichen, was ihn sehr beglückte. Er vermochte vor Ehrerbietung und innerer Bewegung faum zu sprechen doch waren seine Antworten artig und sehr verschieden von denen, welche seine Kameraden ge-