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Hersfelder Anzeiger.

Mp. 45. HerSfeld, den 4 Juni. 1859*

Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis dessel­ben bei der'Erpedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7 z egr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Post­aufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werdest ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

An Lee Grenze.

Novelle von Marie von Boskowska.

I.

Unter einer Gruppe von Buchen saßen zwei Per­sonen auf einer Rasenerhöhung. Die eine von Beiden, ein ärmlich gekleideter Mann, hielt zwischen seinen Knien ein einseitiges, an Form dem Violoncello ähn- lich^ Instrument, dem er mit den kurzen, mit schwarzen Roßhaaren bespannten Bogen dumpfe, melancholische Töne entlockte. Dazu sang er eines der Lieder zur Ver­herrlichung der alten Helden, welche in den südslavi- scheu Ländern so beliebt sind. Der alte, braune Hut beschattete zwar das etwas niedergebeugte Gesicht, den­noch ließ sich wahrnehmen, daß der Sänger noch jung und nicht häßlich war, nur lag in seinen Zügen der Ausdruck einer stillen Trauer, der von den: lebhaften Interesse an seinem Liede nur halb vcrwisckt wurde.

Sein Gefährte, ein kleiner barfüßiger Knabe, ver­speiste mit großem Appetit ein gewaltiges Stück Brod mit Käse, das er eben ans der Torbe genommen, welche sammt einem Bündel neben ihm lag

Unfern der Baumgruppe zog sich die staubige Land­straße hin, welche theils üppige Mais- und Getreide­felder, theils mit Gebüsch bewachsene, von tiefen Schluch­ten durchschnittene Hügel begrenzte. In einiger Ent­fernung blickten zwischen Obstbäumen die Schindel­dächer und hohen Schornsteine eines Dorfes hervor, über welche, auf einer kleinen Anhöhe erbaut, ein mas­sives Haus emporragte, worin der Capitain wohnte. Eine Strecke hinter dem Dorfe war ein glitzernder Streif sichtbar: die Save, auf deren Gewässer der Sonnenschein funkelte, der die ganze Landschaft mit einem goldenen Duft umwob.

Tiefe Stille, der Friede des Sabbaths, ruhte auf den Fluren, wo heute die Arbeit feierte. ' Nur in der Ferne weideten Schafe und Rinder an den grasreichen Abhängen der Hügel und auf der andern Seite, fast nur an den im Sonnenlichte aufblitzenden Bayonnet- spitzen erkennbar, marschirte eine Abtheilung Grenzsol­daten nach dem Flusse hin, um ihre Kameraden in den Tschardaken abzulöseu. Selbst im Dorfe seißteH sich

wenig Menschen; sie genossen den Sonntag noch größten- theils in ihren Wohnungen — nur die L-childwache vor dem Hause des Capitains wandelte rastlos auf und ab.

Endlich kam ein Mädchen den Weg vom Dorfe da­her. Das Sonntagskleid von weißem Linnen schmiegte sich fest um die jugendlichen Formen und hob deren Schönheit deutlich hervor. Der selige Clauren und mancher Andere hat davon phantasirt, daß die Weiße des Battistes oder dergleichen Zeugs durch den blen­denden Teint der Heldinnen und Huldinnen beschämt ward. Das war jedoch bei dem Grenzermädchen nicht der Fall. Im Gegentheil.: die Leinwand ihres Kleides war sehr viel zarter, als ihre Hautfarbe,' welche der Aufenthalt im Freien bebeutenb gebräunt hatte. Den­noch war sie hübsch, obgleich. keine Schönheit; große, dunkle Augen leuchteten aus dem frischen, blühenden Gesichtchen und der von rothen Perlen umgebene Hals war schön genug geformt, um vergessen zu lassen, daß er nicht die Farbe der Milch oder des Schnees hatte.

Von dem Gesänge des Guslar angelockt, näherte sich ihm das junge Mädchen leise und lauschend, doch plötzlich rief es überrascht:

" „Heilige Mutter Gottes I sehe ich recht— b.st Du es wirklich, Berko?"

„Wer redet mit mir ?" fragte der Sänger und er­hob mechanisch seine Augen, denen die göttliche Sehkraft fehlte.

„Deine alte Spielgefährtin, Franja Urosch! Gieb mir die Hand und guten Tag, mein lieber Freund!" antwortnte sie lebhast.

„Ah, Franja, Du bists? Und Du hast mich sogleich erkannt!" sagte der Blinde mit einem Lächeln, das sein ziemlich gewöhnliches Gesicht wahrhaft schön machte. Dabei streckte er tastend die Hand aus, um die ihrige zu erfassen, „Wie freut mich das, Franja! Es wird mir Glück bringen, daß Du mich zuerst begrüßtest. Ich habe oft, ach wie oft, Deiner gedacht, doch wundert es mich fast so sehr wie es mich freut, daß Du Dich mei­ner noch erinnertest!"

Sie setzte sich neben ihn und betrachtete ihn theil- nehmend, während sie ihre Hand in der seinen ruhen ließ.

„Ich wundere mich selbst daß ich Dich sogleich er-