Hcrsfcl der Anzeiger.
Nr. 35» Hersfeld, den 30. April. 1559»
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Napoleon in Deutschland.
Roman von L. Mühlbach.
(Fortsetzung.)
V.
Der General Bonaparte.
Der Friede sollte endlich zum Abschluß kommen.
In Udine verweilten seit einigen Wochen schon die österreichischen Abgesandten, der Graf von Meerveldt, der Graf Ludwig von Cobenzl und der Marquis de Gallo, welcher den beiden Herren als Rathgeber vom Wiener Hofe Angegeben, obwohl er selber kein Beamter des Kaisers, sondern Gesandter Neapels am Kaiserhofe zu Wien war.
In Passeriano verweilte der General Bonaparte: er allein, den drei Bevollmächtigten Oesterreichs gegenüber, war von der großen Republik Frankreich bevollmächtigt, den Frieden mit Oesterreich zu schließen, oder den Krieg zu erneuern, je nachdem es ihm gut dünkte.
Die Augen Frankreichs, Deutschlands, ja ganz Europa's waren also auf diesen kleinen Punkt an der Grenze Deutschlands und Italiens hin gerichtet, denn dort sollts sich jetzt die nächste Zukunft Europa's entscheiden, dort sollten die Würfel fallen, welche der Welt Krieg oder Frieden bringen sollten.
Oesterreich wollte den Frieden, es mußte ihn wollen, weil es sich md?t stark genug fühlte zum Krieg, weil es die Gefahren und Verluste fortgesetzter Niederlagen fürchtete. Aber es wollte den Frieden nicht um jeden Preis, sondern es wollte aus dem Frieden Vortheil ziehen, es wollte sich vergrößern.
Was aber wollte Frankreich? Oder vielmehr, was wollte der General Bonaparte?
Niemand außer ihm selber wußte das. Niemand vermochte aus diesem ehernen Angesicht seine Gedanken zu errathen, aus seinen lakonischen Worten die Thaten seiner Zukunft zu entziffern, Niemanden war es gegeben, zu sagen, was Bonaparte beabsichtigte, welch ein Ziel er seinem Ehrgeiz gesteckt.
SeitMonaten schwebten die Friedens-Unterhand» langen mit Oesterreich, seit Wochen traten die öster
reichischen Bevollmächtigten mit dem General Bonaparte täglich zu vielstündigen Conferenzen zusammen, die ab« wechselnd in Passeriano und in Udine stattfanden, aber immer noch war das Friedenswerk nicht abgeschlossen. Oesterreich verlangte zu viel und Frankreich wollte zu wenig zugestehen. Oft war es in diesen Conferenzen schon zu den heftigsten Erörterungengekommen, oft man bei denselben Bonaparte's Stimme sich zu lauten Donnertönen erbeben hören, und Blitze des Zorns waren in seinen Augen aufgeflammt. Aber die österreichi'- schen Diplomaten waren nicht davon zerschmettert worden, an ihrem unverwüstlichen Lächeln waren die Blitze der Feldherruaugen machtlos abgeglitten, vor den Donnern seiner Stimme hatten sie ihr Haupt gebeugt, um es doch wieder langsam zu erbeben, wenn er schwieg.
Heute, am dreizehnten Oktober sollte wieder eine dieser Conferenzen in Udine beim Grafen Cobenzl statt» finden, und vielleicht war es deshalb, daß der General Bonaparte sich schon in ungewohnt früher Morgenstunde erhoben hatte.
Seine Toilette war eben vollendet; die vier Kammerdiener, die ihm bei derselben behülflich gewesen, hat» ten eben ihr Werk beendet. Bonaparte hatte sich immer willenlos ihren Händen übergeben und sich wie ein Kind von ihnen ankleiden, waschen und frisiren lassen. Jetzt hieß er mit einem stummen Wink seiner Hand die Diener hinausgehen, und rief mit lauter Stimme: Bourrienne!
Sofort öffnete sich die Thür da drüben und ein junger, hochgewachsener Mann in der Civiltracht damaliger Mode trat ein. Bonaparte deutete mit der Rechten auf den Schreibtisch hin, indem er seinem jungen Secre- tair mit einem raschen Neigen seines Hauptes begrüßte.
Bonrienne ging mit geräuschlosen Schritten nach bem Tisch, und, sich vor demselben niedersetzend, legte er ein leeres Papier zurecht und nahm die Feder, das Dictat Bonaparte's erwartend.
Aber Bonaparte schwieg. Die Hände auf demRük» ken gefaltet, ging er mit raschen Schritten in dem Gemach auf und ab. Nach einer langen Pause blieb Bo. naparte neben dem Schreibtisch stehen. Hast Du die Depeschen gelesen, die mir das Directorium gestern durch seinen Spion, den Herrn Botot, gesandt hat? fragte der General hastig.