Herssclder Anzeiger.
Nr. Zr. Hersfeld, den 2. April. 1859*
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruht:
dem Pfarrer zu Oedelsheim und Metropolitan der Klasse Gottsbüren, Wilhelm S ch w a r z e n b e r g, die Pfarrei Felsberg nebst dem Metropolitanate der Klasse gleichen Namens zu übertragen;
den zu der erledigten ersten lutherischen Pfarrerstelle zu Rinteln präsentirten 'zweiten lutherischen Pfarrer dawlbst, Georg Heinrich Seebohm, zu bestätigen;
den Privatdoccnten und Kreisphysikus Dr. S ch warst zu Kiel zum ordentlichen Professor der Geburtshülfe und Direktor der Entbindungs-Anstalt an der Ländcs - Universität, sowie gleichzeitig zum Hebammen-Lehrer, und
den Buchhalterei Gehülfen Karl Friedrich Pauli bei der Direktion 'ber Landeskreditkasse provisorisch zum Kanzlisten bei derselben zu ernennen,
den Oberfinanzrath Heinrich Nommel zu Caßel auf sein allerunterthänigstes Nachsuchen von der Nebenstelle eines Brunnen-Direktors am Bade zu Nauheim zu entbinden;
den Steuer-Revisoratsgehülfeu Georg Ludwig Hose zum Steuer - Revisor bei dem Ober -Steuerkollegium provisorisch, und
den Expeditions-Gehülfen Johann Georg Hein- mül ler zu Kirchhain zum Einnehmer der Eisenbahn- Station Zimmersrode auf Widerruf zu ernennen, den Revierförster Wilhelm Lipsius zu Steinau in den Ruhestand zu versetzen, dem Musik-Director Bochmann zuCassel die er- ' ledigte Kassirerstelle bei dem Landkrankenhause für die Provinz Niederhessen provisorisch zu übertragen.
Betrügexsien beim KeinenhauDel sind in jüngster Zeit in großer Menge in Deutschland vorgekommen und mahnen dringend an scharfe Handhabung der Hausirgesctze.
Hier einige Worte über die Praxis solcher Gauner. Dieselben kommen in der Regel zu Zweien, meistens in eleganter Kleidung zu ihren Opfern, die sie sich mit großer Vorsicht aus den bemittelten, weniger geschäftskundigen Personen aller Stände auswählen. Sie machen die vertrauliche Mittheilung, daß fie im Begriffe seyen, Bankerott zu machen oder nach Amerika auSzuwandern der eine sonstige große Reise anzutreten und von ihren
Waarenvorräihen so viel als möglich zu Gelde machen müßten, oder daß sie eine Partie Leinwand eingepascht hätten, deren Besitz sie ängstlich mache und dergleichen, bitten um Verschwiegenheit, erklären, day sie ihr Geschäft nur mit einem redlichen Manne machen wollten, nicht mit Juden, von denen sie fürchten müßten, betrogen zu werden (meist sind sie selbst Juden), und packen darauf, auch beim Wiederstreben des Angeredeten, ihre Leinen- waaren aus, welche insgesammt ein sehr verlockendes Aeußere haben, welche sie wer nur im Ganzen verkaufen wollen.' Sie zeigen einzelne Stücke vor, welche in der That einen wirklichen Werth haben, lassen sie prüfen, geben einen ungemein billigen Preis dafür an, erklären auch wohl, gerade diese Stücke als Zugabe auf den ganzen Vorrath geben zu Wellen, nennen in schneller Aufeinanderfolge bei allen Städten sehr große Einkaufspreise, stellen, wenn der Angeredete selbst einen großen Bedarf an Leinenwaacen nicht hat, einen bedeutenden Vortheil bei einem Wiederverkauf unter der Hand in Aussicht, kaufen wohl, wenn derselbe selbst Waaren zu verkaufen hat, ohne zu handeln, verhältnißmäßig beträchtliche Posten davon ein, wofür sie sich den'Preis vom Kaufpreise der Leinwand abrechnen lassen wollen, verlangen im> klebrigen nur eine geringe Anzahlung und in der Regel gelingt es den Betrügern, welche sich bei ihren Lügen und Anpreisungen durch Worte und Mienen einander unterstützen, ein Geschäft zum Abschluß zu bringen, wodurch der Käufer für große Summen, mit Ausnahme der gedachten wenigen guten Stücke, eine fast nutzlose Waare bekommt.
Chemische und mikroskopische Untersuchungen haben nämlich ergeben, daß diese Leinwand zwar reines Seinen ohne den geringsten Zusatz von Baumwolle, aber dennoch nur von sehr geringem Werthe ist. Der dazu verwandte Flacbs wird, meist in schlesischen Fabriken,' ohne vorher gehechelt zu seyn, mit seinen Holztheilen fein zerbackt und, mit einem Klebestoff vermischt, durch Maschinen gesponnen. Das aus diesem Gespinnst angeferttgte Gewebe wird auf besonders kunstvolle Weise appretirk, so daß es der guten Leinwand täuschend ähnlich siebt,. nach mehrmaligem Waschen jedoch entweder ganz unansehnlich wird oder sich gänzlich auflöst.
Es sind Fälle vorgekommen, daß derartige betrügerische Hausirer mit „rein leinener Waare", deren sitzt eine üb'eraus große Zahl die glänzendsten Geschäfte macht, höchst wertvolle Gegenstände, die sie zugleich mit einem größeren Posten Leinwand in Kauf geben (z. B. eine glänzende erst kurz vorher gekaufte Eguipagek,