Hersfelder Anzeiger.
Nv. 1O» Hersfeld, den 2. Februar. 1859+
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. —Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden aufgenpmmen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
dem Landbaumeister Koppen zu Rinteln das Referat in Bausachen bei der dasigen Regierungs- komnussion zu übertragen,
dem Dr. med Friedrick Endemann aus Cassel die Ausübung der innern Heilkunde mit dein Wohnsitz daselbst zu gestatten.
Ein Geifierfeher.
Novelle von Leo Goldammer.
(Fortsetzung.)
Noch Eins, Mädchen, das Letzte! Dein Leben ist in Gefahr, der Strom ist geschwollen, wie sich's die ältesten Leute nicht erinnern können, er kann den Damm durchbrechen, er wird ihn durchbrechen, Dn mußt ertrinken in dieser Zelle, ich darf nur dem Schließer die Schlüssel verlieren und da er es unterlassen, Dich in's zweite^Stock des Gebäudes zu bringen--
So bleibt Dir ewig die Schuld, der Du ihn vermochtest, es zu unterlassen!
Gleichviel! Willst Du umkommen, fern von aller menschlichen Hülfe?
Meine Ehre zu retten, war Deine Sache, mein Leben steht in Gottes Hand!
Nun so fahre hin!
_ Ein Sprung aus der Thür und ein Knall dieser Thür, dann das Rasseln der Schlüssel an dieser Thür und der Fall dieser Schlüssel auf die Fliesen des Ganges, dazu einige dumpf hiugemurmelte Worte, und der Schall hastiger Tritte, dies Alles folgte so schnell darauf, daß Samuel giebst kaum Zeit behielt, nach dem Fenster zu eilen, welches sich in seinem Rücken am Ende
-Gm'sws befand, um nach dem Pferde zu sehen und sich 10 die Gewißheit zu verschaffen, daß der heimliche Besuch das Gebäude in Wahrheit verlassen habe. Kaum aber hatte er seinen Standpunkt eingenommen, als er
den Mann sich aufs Pferd werfen und wie rasend da» vonjagen sah.
Samuel suchte darauf nach den Schlüsseln und sagte für sich indem er sie aufhob:
Der Schurke! das hatte er gut berechnet, gab s ihm.der Teufel nicht ein. Hier am Boden suchte kein Mensch nach den Schlüsseln und gefunden hätte sie erst reckt Keiner, wenn schon das Wasser darüber ging; da wäre der Armen Nichts übrig geblieben, als der Tod,
Einen Augenblick später öffnete er leise die Thür und trat in den Kerker.
Der mit einem weiten Schatten umgebene Lichtschein einer Blendlaterne erhellte nur dürftig das kleine Ge» mach, auf dessen einer Wand ein Bett, als eine besondere Vergünstigung gegen die Gefangene, sich befand und dessen übrige Geräthe in einem Tische und einem Stuhle bestanden,
Samuel Liedke war an der Thür stehen geblieben und blickte nach dem Mädchen mit tiefem Schmerz. Dieses stand aufrecht im Zimmer vor ihrem Bett, nur mit den Nachtkleidern versehen, und so in dem Scheine des Lichts, daß ihr Kopf in den Schatten hineinragte, auf dessen dunklem Hintergründe die schönen Züge ihres bleichen Gesichts ein fast geisterhaftes Ansehn erhielten. Ihre Augen waren gegen die Decke gerichtet und ihre Lippen bewegten sich leise. Dann faltete sie ihre Hände über dem Busen und sank in die Kniee. — Ihr ganzes Bild lag nun in den Strahlen des Lichtscheines, und der Schatten darum — vor Samuels Augen fing er an zu kreisen wie ein Rahmen von schwebenden, drohenden, wirbelneen Wolken, deren Flug ihm das Bild immer weiter und weiter entrückte.
Er stand in lautlose Betracktung versunken und Marie endete indeß ihr Gebet. Ueber ihre Züge war die heilige Ruhe der Ergebung ausgegossen und ihr Blick senkte sich langsam der Erde wieder zu. Da traf er auf den jungen Mann an der Thür — und blieb haften an ihm mit einem seltsamen Ausdruck.
Hab' ich auch Gesichte und Erscheinungen? sagte sie dann mit bebender Stimme. Bin ich der Erbe meines Vaters in diesem grauenerregenden Vorzug seiner Natur? -r — Nun immerhin, sei Du mir willkommen,