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Köpfe zusammen und fragen und rathen. Sollte der Rabbi einem Gensd'armen in die Hände gefallen sein? Diese Worte gehen über Aller Lippen. Keine Antwort erfolgt, amd so horchen sie stumm auf das Picken der Wanvuhr und sehen sich bang in die Augen.

Den Damm entlang stiegt der Schlitten des Gra­fen und die Schlitten vieler Bauern folgen ihm. Auf allen Wegen und nach allen Richtungen kehren die VMitten von der Kirche nach Haus, und durch Wald äiktd Feld erschallt das Halloh und der Peitschenknall und die Pferde dampfen.

Zwischen den Häusern in Tawe schleichen -die Juden auf die Landstraße hinaus und spähen ins Dunkel und rufen leise Worte und klatschen in die Hände und bli­cken nach allen Seiten und kehren in ihrenTempel zurück, und Alle, wie sie kommen, den Rabbiner bringt keiner mit.

Die christlichen Bauern sind längst in ihre heimi­schen Dörfer zurück und plaudern am warmen Ofen oder im Kruge, und das Lob ihrer Herrschaft ist in Aller Munde, und ein gesegnetes' Andenken an die hochselige Gräfin von Truchseß zu Waldburg in Aller Herzen.

' Die Juden in Tawe sind aus ein ganz 'kleines Häuf­lein zusammengedrängt und halten Rath und seufzen und jammern und klagen: was ist ihm widerfahren, dem Rabbiner? Was hat ihm Gott lassen zustoßen für ein Unglück?

Die christlichen Bauern sind fröhlich in Geist und Gemüth und lassen sichs wohl sein.

Die Juden zu Tawe umarmen einander und löschen die Lichter und verlassen das Haus und das Dorf und zerstreuen sich nach allen Richtungen und klopfen an alle Thüren auf ihrem Wege, zn fragen und zu erforschen: welches Auge den Rabbiner zuletzt gesehen. Sie fragen und forschen, bis kein Licht durch die Fenster mehr scheint, und suchen dann erst bei befreundeten Bauern ihr Lager im Stall oder auf dem Heuboden.

V ' II.

.Im Gastzimmer des westlich vom Rautenburger «Schlosse liegenden Kreuzkruges haben sich an diesem Abend, wie- gewöhnlich, einige der höheren Beamten und Dienstleute des erbgräflich von Kaiserlingkschen Hauses versammelt. Sie schwatzen und rauchen und trinken. Wir bemerken unter ihnen den Oberförster, den Land- reiter, den Hoff, Zimmer-, Schmiede-, Böttcher- und Stellmacher-Meister, vor Allen aber den Amts-und Justiz-Wachtmeister, welcher letztere nicht allein wegen seiner vielen Aemter und Würden, die er in seiner Per­son wcrciuigte, da er außer den obengenannten Posten noH.die Aemter eines Gerichtsbeisitzers, Gerichtscommis- safti, Land-Taxators, Damm- und Deich- Jnspectors, Ober-Kirchen- und Schulvorstehers, Schulzen unb' Dorf­richters zuMutenburg,Bretterhof, Lappinnen undCarls- borf' bekleihete, sondern vorzüglich um seiner Menschen-

freundlichen Gesinnung wegen einer nicht allein allge­meinen, sondern auch unbegrenzten Hochachtung genoß.

Er schien den Ehrenplatz unter seinen Freunden und Gevattern einzunehmen, und seine hohe, kräftige Gestalt, verbunden mit den offenen und edelen Zügen feines Gesichtes, sicherte ihm auch schon äußerlich ein Recht - darauf zu. An seiner Rechten war ein Platz offen ge­lassen für Jemand, den man noch zu erwarten schien.

Eine behagliche Wärme entströmte dem mächtigen Ofen und dichter Qualm durchzog das geräumige Zim­mer, in dessen Wolken man die weiße, baumwollene Zipfelmütze des Gastwirths wie eine Möve am bezoge­nen Himmel hin und her schwärmen sah. Er war ein gar gewandter und eifriger Gastwirth und seine Gäste litten keine Noth in seinem Hausesie hätten sie denn schon mit hingebracht in ihrem Geldbeutel.

Wo mag nur Vater Mittrich heut bleiben, der ehrsame Hofmaurer, und Glaser-meister? Mit dieser Frage wandte er sich jetzt an den Amts-Wachtmeister Herrn Benjamin Friedrich Liedke, indem er einen neuen Krug vor ihn hinstellte.

Der also Angeredete erwiderte:

Auf den warten wir heut wohl vergebens. i Der hat wieder seine traurigen ^timben. Ich traf ihn in der Kirche vor der Gruft unserer seligen Gräfin, von welcher die Kaiserlingks diese Lande ererbt haben, und da merkt' ich das. Er schien ganz versunken in den An­blick des kleinen goldenen Sarges, worin sie ihr einziges Töchterlein hatte beisetzen lassen.--

Habt Ihr wieder Gesichte oder wollt Ihr sie be­kommen, daß Ihr Euch so in den Anblick dieser Monu­mente des Todes vertieft?'rics-ich ihm zu, und dachte, er solle mirs mit einem Scherze erwidern. 55a hatte ich mich aber verrechnet; denn er blickte sehr ernst und trübe. Seht, Gevatter Amts-Wachtmeister, hub er'end- lich an, dies Kind war die einzige Freude seiner Mutter, war die schönste Hoffnung ihres Lebens und wie viel Kummer mußtees.ihr bereiten durch seinen so frühzei­tigen Tod! Ach! wie war sie schön an Leib und Seele, die kleine Gräfin, und ihre Klugheit ging weit über ihre Jahre,, da ereilte sie der Tod in Gestalt eines Zu­falls ---

Und damit war er im Zuge mir die traurige Ge­schichte von Neuem zu erzählen, als bätf ich sie heut erst erfahren sollen.

Ich kann mir denken, sagte der Wirth mit einem pfiffiger; Gesicht, Ihr gabt einen geduldigen Zuhörer aK

Gewiß! Gewiß! Alles in der Welt, nur keine traurigen Geschichten und zumal solche, bei denen man keine Möglichkeit einer Rettung ersieht. Mein Herz ist von jeher ein zu naher Nachbar für mein Ohr gewesen I Ich muß entweder eine Hülfe sehen, oder empört werden, um mit Lust auf die Strafe zu rechnen. Und bei dem Tode dieses armen Kindes war weder das Eine noch das Andere der Fall. Ich machte mich los von dem alten Manne und ging meine Wege.