- 90
Noch einmal schaut der Vater empor im Zwielicht schon Und hört in stillem Grausen den bangen Schmerzeuston.
Ihm dringt durch Mark und Knochen des Kindes Klaggeschrei
Wie Todesruf von Gräbern, in grauser Melovei: So tönts in düsterm Walde, schlägts au des Vaters Oyr,
Macht ihm den Herzschlag stehen, sträubt ihm das^aar empor.
Rings ist es still und einsam, kein Laut im Busch und Strauch,
Nur leise regt die Blätter der Lüfte sanfter Hauch: Da senkt sich tief und tiefer in seine Brust der Schmerz. Und die Verzweiflung krallet sich ein ins wunde Herz.
An allen Gliedern zitternd, sinkt er in stiller Stund Am kalten Felsen nieder und ringt die Hände wund. Nach Trost sein trübes Auge hinauf zum Himmel sieht, An dem in stiller Klarheit das Heer der Sterne zieht.
Und wieder hebt Aurora ihr goldgelocktes Haupt, Und wieder lebt im Walde in Zweigen dicht belaubt: Der Vaters stieren Auges, ob auch die Sonne glüht, Hinauf zur Felsenspitze in stummen Jammer sieht.
Und wieder ziehn am Himmel die bleichen Stern herauf;
Und wieder nimmt die Vöglein des Waldes Dunkel auf; Und wieder-schaut der Vater empor im Zwielicht schon; Und wieder tönt vom Felsen des Kindes Klagetou.
Da will des Wahnsinns Wirbel ihm jäh das Haupt umziehn,
Ihm flimmerts vor den Augen und Lipp und Schläfe glühn;
Es will das Herz ihm brechen, ein wüster Schrei entringt
Sich bang der Brust, der gellend die stille Luft durch- dringt.
Er will den Fels erklimmen, das Kind an seiner Brust, Und dann vom Felsen stürzen — das däucht ihm süße Lust.
Wie spottend hat das Schicksal ihm diesen Trost versagt. Nichts frommt am steilen Felsen, wie oftmals ers auch wagt. ,
Sich Seiner nicht mehr mächtig von bannen er jetzt flieht;
Er weiß nicht, wohin ihn ein dunkles Etwas zieht. Jetzt kommt er heim und findet nur Schmerz und Jammerlaut,
Im Hause hier, im Walde, wohin sein Auge schaut.
Fast wunderbar erbarmet sich endlich seiner Noth Ein tiefer Schlaf, so ähnlich dem ernstem Bruder Tod. Und sieh, im Traum erscheinet, ihm süß des Knaben Bild,
Den Palmzweig in den Händen und flüstert sanft und mild:
„Was ich von Dir empfangen, den süßen Funken Sein,
Nimm ihn, und bett in Frieden mich in den engen Schrein,
Nicht lange wirst D» tragen auf Erden noch die Qual, Uns warten selge Freuden im schönen Himmelssaal."
Und als der arme Vater vom dumpfen Traum erwacht,
Isis öde in der Kammer und es umfängt ihn Nacht, Doch steht in hehrein Glänze das Bild vor seinem Geist, Wie es in Himmelsmilde was thun er soll ihm heißt.
Als drauf der Morgen dämmert, da nimmt er sein Gewehr,
Er geht hinauf zum Walde, noch ist er still und leer. Und oben auf dem Felsen, umspielt vom Morgeulicht, Sitzt still der arme Knabe mit bleichem Angesicht.
Da auf die Felsenspitze, fällt jetzt ein Sonnenstrahl Vergoldet hell den Knaben, mahnt ihn an neue Qual. Es will das Herz ihm brechen aufs Neu dem Vater schier,
Er sinkt am Felsen nieder und betet lange hier.
Dann geisterbleich erhebet der Arme das Gewehr, Legt schaudernd an — es knallet — der Knabe ist nicht mehr;
Er liegt auf grünem Nasen, es schlägt zum letzten Mal Seines kleines Herz hieuiedeu beim ersten Morgenstrahl.
Der Vater in den Armen trägt Heim das Schmerzenskind, '
Drückt fest den Knaben an sich, wo warm die Wunde rinnt;
Legt ihn dann in das Bettchen und deckt ihn sorglich zu, Wo er so oft und selig belauscht des Kindes Ruh.
Er küßt die bleiche Wange, er küßt den bleichen Mund;
Er drückt die kalten Hände, jüngst noch so voll, |o rund; Er streicht die blonden Locken und macht die Stirne frei, Und haucht auf diesen Marmor viel Küße heiß dabei.
Jetzt kniet er vordem Bette und deckt den Kna- ben aus.
Nimmt eine seiner Hände und drückt die Stirne drauf.